Dienstag, Juli 15, 2008

Mixtape auf CD 07/2008 - 19 Factory Records Tracks


(Fotografie: Manchester von http://duophonix.deviantart.com/)

Fire So Close (19 Titel, 79:41 min)

Titelliste

01. "White Life" - The Names | Spectators Of Life | 2001 (3:03)
02. "Funky Munky" - Northside | Chicken Rhythms + Extras | 2005 (3:11)
03. "Angel Dust" - New Order | Brotherhood | 1994 (3:44)
04. "A Gentle Sound" - The Railway Children | Gentle Sound | 2003 (4:00)
05. "N'Sel Fik" - Fadela | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (7:11)
06. "Fire So Close" - James | Jimone | 1983 (1:48)
07. "Sex Machine" - Crawling Chaos | The Gas Chair | 2003 (5:39)
08. "Seven Reasons" - Revenge | Palatine - The Factory Story / 1979-1989 / Vol. 3 / The Beat Groups | 1991 (4:07)
09. "Electricity" - Orchestral Manoeuvres In The Dark | Live At Leigh Rock Festival '79 | 2006 (3:53)
10. "Low Rider" - Quando Quango | Pigs + Battleships | 2003 (4:29)
11. "Compressor" - Biting Tongues | Compressed (The Factory Recordings 1984-1987) | 2003 (4:51)
12. "Sudan" - Thick Pigeon | Too Crazy Cowboys | 2003 (4:16)
13. "Sex Goddess" - The Royal Family And The Poor | We Love The Moon | 2003 (5:21)
14. "Stains (Useless Body) (Live 13.8.1981)" - The Durutti Column | Live In Bruxelles 13.8.1981 | 2008 (3:10)
15. "Yashar" - Cabaret Voltaire | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (7:29)
16. "Isolation" - Joy Division | Closer (CE) | 1980 (2:53)
17. "English Black Boys" - X-O-Dus | Palatine - The Factory Story / 1979-1982 / Vol. 1 / Tears In Their Eyes | 1991 (4:46)
18. "Skip Scada" - A Certain Ratio | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (2:09)
19. "Sparkle" - Kalima | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (3:41)

Aus dem Booklet:

Liebe Musikenthusiasten,

hereinspaziert zu einer neuen Ausgabe des Mixtapes auf CD. Aus besonderem Anlass (ein Vortrag zur Halleschen Langen Nacht der Wissenschaft), scheint die Musikauswahl auf dieser CD oberflächlich betrachtet sehr homogen; alle Titel sind bei Factory Records in Manchester verlegt worden. Sieht und hört man genauer hin, stellt sich ein breites Spektrum an musikalischen Ausdrucksformen dar. Bei Factory spielten Künstler im Dunstkreis von New Order und Happy Mondays Electro-Pop (Revenge, The Railway Children) bzw. Rave-Musik (Northside), produzierten Fadela das arabische Gegenstück (Pop-Rai, algerische Popmusik) und Bands wie Kalima oder Biting Tongues sorgten für weltmusikalisch-jazzige Anteile am Label-Katalog. Einige Künstler bei Factory wollten mit ihren Texten und/oder Darstellungsformen provozieren. Unter ihnen Gruppen wie das spiritistisch-düstere Projekt The Royal Family And The Poor, deren Auftritte die Musikpresse sturmlaufen ließen. Gleiches bei der Formation Crawling Chaos; bedingt durch die expliziten Texte ihrer Songs ließen sich die Platten nicht verkaufen und Factory kündigte den Vertrag zum Schluss selbst auf. Die Reggae-Gruppe X-O-Dus hingegen kritisierte in ihren Liedern die Benachteiligung schwarzer Bevölkerungsteile im Großbritannien der 1980er Jahre. Das Label um Tony Wilson war nicht zu letzt auch die Plattenfirma, bei dem viele heute bekannte Bands begannen und inzwischen tausendfach CDs verkaufen: James und OMD beispielsweise. Dieses Mixtape auf CD ist eine kleine Auswahl aus dem – selbst 14 Jahre nach der Auflösung von Factory Records – unendlich (aufregenden) Repertoire einiger Musikvisionäre, die selbst einmal so schön sagten: You learn why you do something by doing it. Mögen sich euch hoffentlich viele der folgenden Songs auf gleichermaßen pragmatische Weise erschließen.

1. Der erste Titel stammt von The Names aus Brüssel, Belgien. Das erste Jahr nach Bandgründung völlig übersehen, gerieten sie erst mit ihrem Vertrag bei Factory Records in den Aufmerksamkeitsbereich eines größeren Publikums. Ihre Single Nightshift (darauf auch enthalten der vorliegende Titel White Life) nahmen Sie mit Martin Hannett bei Factory Records 1980 auf. Der erhoffte Erfolg blieb allerdings aus. Viele der Songs von The Names waren für Postpunk zu glatt und doch für ein Massenpublikum zu düster, zu atmosphärisch und zu rauh.

2. Ganz dem Factory-Geschäftsmodell folgend, ist der zweite Titel eine Rave-Nummer. Das zu Funky Munky gehörige Album erschien 1991 und setzt voll auf den Indy-Rave-Trend jener Zeit auf. Man nehme einen tanzbaren Takt, suche einen halbwegs passablen Frontsänger und schicke die Jungs/Mädels in schlumprigen Hosen mit Maracas (Rasseln) bewaffnet auf die Bühne. Darin waren Northside recht erfolgreich, über ihre Auftritte schreibt man, es wären ekstatische Shows gewesen. Neben ihrem Song LSD (der auch von nichts anderem handelt als der Titel verrät), geht es auch in Funky Munky („It feels so good/when what you want is in your blood/lalalalalalala“) eher um Dinge, die Glücksgefühle auslösen.

3. Neben den soeben gehörten Vertretern der Rave-Szene, war Factorys Goldesel New Order. Nach dem Freitod des Frontsängers von Joy Division formierte sich der Rest der Gruppe unter jenem neuem Namen und entwickelte rasch einen Stil, der Postpunk und Dance Music zusammenführte. Die Engländer verdanken New Order nicht nur eine Fußballhymne, sondern auch etliche Nummer-Eins-Songs. Der vorliegende Titel stammt vom 1986er Album Brotherhood und – ist wie viele New Order Songs – nicht einfach zu interpretieren. Für das Design der Hülle ist Chef-Designer Peter Saville zuständig. Er fotografierte eine Lage Titanzinkfolie ab und verzichtete auf Titel- und Interpretenangabe auf dem Cover.

4. Machen wir weiter mit The Railway Childrens A Gentle Sound. Ein Song, der wirklich hält, was er verspricht: zarte, poppig-plüschige Klänge. Das Ganze nimmt sich auch textlich richtig romantisch aus (und kaschiert völlig die Zugehörigkeit zu Factory Records). Daher verwundert es nicht weiter, dass die Gruppe rasch beim Major-Label Virgin Records anlandete und auch in Amerika Platz 1 belegen konnte.

5. Neben bodenständiger Popmusik gab es bei Factory auch algerische Töne zu hören. Fadela (Duett aus dem gleichnamigen Ehepaar) nahm 1987 die Single N'Sel Fik auf. Dem Titel heftet die Anekdote an, dass er eigentlich N'Sal Fik heißen müsste. Ein Schreibfehler der dem Fakt zugeschoben wird, dass viele Algerier zwar mündlich des Arabischen fähig waren, es aber oft schriftlich nicht gleichermaßen beherrschten. Dank Fadela hatte nun auch Manchester eine Musikrichtung (Pop-Rai) die es so damals nur im Arabischen Raum selbst und in Paris gab.

6. James begann mit der EP Jimone, auf der auch der vorgestellte Titel Fire So Close enthalten ist. Während durchschnittliche Musiktitel drei Minuten oder länger dauerten, war keiner der James-Songs auf Jimone länger als zwei Minuten. Die Lieder auch Musikalisch aus der Art geschlagen; eine Mischung aus Folksongs, mit gerufenen Worten, die wahllos aus Magazinen entnommen zu sein schienen, und einem wilden, beinahe funkigen Rhythmus aus schnellen Perkussionseinlagen und sich überlappenden Textstellen. Wenn für einen Titel dieser Band gilt, was ein Kritiker schrieb, nämlich, dass er vorbei sei, bevor er eigentlich richtig angefangen habe, dann für Fire So Close.

7. The Crawling Chaos sind ganz sicher Teil der kuriosen Seite von Factory Records. Ihre Singel Sex Machine beginnt mit der Beschreibung eines für einen jungen Mann folgenreichen Arztbesuches: „I better find a new pair of Jeans/I've been to the Doc/He's got the means/He turned me into a sex machine/He's given me a pair of enormous balls“ und wächst zu einer repetitiven, hämmernden, zuckenden, verzerrten Nummer an, die ob ihrer Obskurität dennoch im Gedächtnis bleibt. Für den NME war das jedoch nichts, der anwesende Reporter resümierte wenig schmeichelhaft: „Ineffectual doodlings on guitar and keyboards became ends in themselves. A guest singer stood at the microphone and coughed for several minutes. Nobody danced or even twitched a leg. The bloke at the mixing desk read the Evening Standard and someone next to me asked the time before falling asleep. Anyone who needs this garbage is probably already dead."

8. Mit Seven Reasons begeben wir uns wieder in etwas weniger anspruchsvolle Gefilde. Zwischen 1989 und 1992 gruppierte der New Order-Bassist Peter Hook einige befreundete Musiker aus Manchester um sich und nahm Titel auf, welche irgendwie doch sehr nach New Order selbst klingen. Insgesamt ein schöner Popsong, nicht zu letzt wegen Zeilen, wie dieser: „Its good to be young/and gifted again/to see if it all happens twice/and watch all the things/ that went wrong in my life“.

9. Electricity war die Maxime jener Zeit. Ob es sich um New Order, A Certain Ratio, kürzlich gehörte Crawling Chaos oder beinahe jede beliebig andere House-, Rave- oder Popband handelte; sie alle waren abhängig von Strom und Verstärkern. Damals noch unter Orchestral Manoeuvres In The Dark agierend, waren die die heutigen OMD offenbar schon in den 1980ern mit der Endlichkeit aller Energievorräte befasst: „All we need to live today/a gift for man to throw away/the chance to change has nearly gone/the alternative is only one/the final source of energy/solar electricity“.

10. Ein weiterer Titel, der unter Umständen einen Aha-Effekt auslöst. Kaum einer kennt Quando Quango aber Low Rider dürfte einigen schon mal untergekommen sein. Das New Wave Dance Projekt macht musikalisch große Anleihen bei lateinamerikanischen Rhythmen, dem Jazz amerikanischer Großstädte und einer Portion jener Musik, wie man sie auch bei Fela Kuti hört. Frau Dr. Hillegonda Rietveld arbeitet seit dem Ende von Quando Quango an der London University und forscht im Bereich underground dance music. Wer hätte gedacht, dass unter dem akademischen Personal auch Popstars sind...

11. Zunehmend bewegen wir uns in den Bereich der ganz stark expressiven Bands. Eine von ihnen ist Biting Tongues. Eine Gruppe von Aus Manchester stammenden jungen Männern entschied sich für die Möglichkeiten, der Wilsons allen offenstehende Club The Haçienda bot, zu nutzen. Ihre Musik, ursprünglich als Filmmusik zum Werk Biting Tongues konzipiert, war eine skurrile Mischung aus allem, was irgendwie Geräusche (respektive Krach) machte. Zusammen mit einem Perkussionisten, der so etwas wie einen Northern Soul-Rhytmus spielte, einem Sänger, der wie ein CNN-Moderator auf Drogen wirkte und einem Saxophonisten, der damit beschäftigt war, den Rhythmus zu finden, müssen Biting Tongues eine ziemlich aufregende Show abgeliefert haben.

12. Aus New York nahm Factory Carter Burwell (heute Produzent vieler Filmsoundtracks) und Stanton Miranda (bei Sonic Youth und auch Schauspielerin) mit ihrer Formation Thick Pigeon unter Vertrag. Im Gegensatz zu Biting Tongues war ihre Musik minimalistisch bei der Verwendung von Instrumenten, dafür kreierte sie eine dichte, teils alptraumhafte Atmosphäre mit geisterhaften Andeutungen der sich noch zu entwickelnden Techno-Musik. Darüber wurde noch Mirandas undeutbarer Gesang („They will never see Sudan“) gelegt. So entstand eine Platte, die auch heute noch Maßstäbe im Bereich elektronischer Musik setzt.

13. Ist es Zufall oder Vorhersehung, dass ausgerechnet Michael A. Keanes Sex Goddess den
dreizehnten Titel dieser Zusammenstellung bekommt? Vermutlich ist es einer höheren Kraft zu verdanken. The Royal Family And The Poor sind mein liebster skurriler Factory-Act. Musikalisch widerspricht dieser Titel ja wohl so ziemlich Allem, was wir bisher aus dem Factory-Katalog gehört haben, wenn es nicht gar auch dem Konzept eines ordentlichen Liedes zu wider läuft. Ein Mann rezitiert „The swarm of the night knows“, wird unterbrochen von einem Bass, der wie ein Fallbeil niederstürzt, ein Mischwesen aus Mensch und Wolf heult, schreit, kreischt „Don't leave me“. Ein furchterregender Männerchor brummt ein „ohhh“ und wird fortan unterbrochen von Jammern und Flehen. Der Bass wird hektischer und findet sich letztlich, untermalt von jenem „ohhh“, plötzlich in einen Song mit der Zeile „Sex God/Sex Goddess“. Das passiert aber erst in Position 2:20min, und erinnert zumindest ganz leicht an einen normalen Song. Viel Zeit bleibt nicht; nach 4:30min setzt der Fallbeil-Bass wieder ein und das Heulen des Mischwesens übernimmt. Songende. Willkommen in der spiritistischen Welt von Keane, dessen Lifeauftritte auch gern aus dem Verlesen selbstgeschriebener Gedichte/Texte zu einem wummernden Bass bestanden. Ein – wenn auch streitbarer – Visionär, dessen Musik sich einem einbrennt, falls man sich einlässt.

14. Zurück in etwas weniger nervenaufreibende Gefilde. Vini Reily ist der mit Abstand am wenigsten gealterte Factory-Künstler. Ein Mann, drahtig wie Iggy Pop, mit einem Gesicht, das auch jeder 25jährige tragen könnte. Die Texte, auch bei Stains, oft befasst mit Vergänglichkeit, Liebe, Unglück und auf der Suche nach Sinn. Seine stark gitarrenbasierte Musik ist wird untermalt durch seinen klagenden Gesang – schon seit genau 40 Jahren.

15. Cabaret Voltaire steuern zu diesem Mixtape auf CD noch einen Titel bei, der damals auch recht revolutionär war. In Yashar sampeln sie eine Zeile aus einem bekannten britischen Fernsehfilm („There are 70 bilion people on earth/where are they hiding?“) und mischen dazu eine Art House-Musik. Das Ganze wird auf siebeneinhalb Minuten ausgedehnt und unterbrochen von trickfilmhaften Stimmchen.

16. Kommen wir noch zu der Factory-Band überhaupt. Joy Division, eine Gruppe damals junger Mancunians, mit denen die Geschichte von Factory Records begann und die Geschichte der Gruppe eigentlich fast wieder endete. Mit dem Freitod Ian Curtis' kurz vor der Amerikatournee wandelte sich beinahe alles. Aus Joy Division wurde New Order, aus Postpunk wurde Pop. Vielleicht kann Isolation für jenes Gefühl Curtis' stehen und zugleich auch für die musikalische Andersartigkeit vieler Factory-Bands.

17. An vorvorletzter Stelle erlaube ich mir noch einen eher untypischen Factory-Titel zu bringen. X-O-Dus war eine Reggae-Band einiger junger Briten afrikanischer Abstammung, welche ihrer Reggae-Musik eine starke Protestebene verliehen. Sie sangen gegen auf Vorurteilen basierende Benachteiligung an. Zeilen wie „I went to an English school/my skin colour is black/what difference is that?“) rufen auf, längst überholte Konzepte zu überdenken. Musikalisch jetzt nichts Besonderes, aber hier ging es eher um die politische Message.

18. Skip Scada ist einer dieser etwas ulkigen Titel, die klingen, als wären sie eine Mischung aus Karnevals- und Samabtönen Südamerikas. Neben solcherlei Nummern machten A Certain Ratio oft auch House oder Electronic Music.

19. Bleiben wir doch für den letzten Titel gleich noch auf dieser Jazz-Samba-Funk-Fussionsebene. Sparkle von Kalima ist ein sprechender Song. Er ist hell, leuchtend, zuckend und unheimlich rhythmisch. Eigentlich der beste Beweis dafür, dass Factorys Katalog keineswegs nur Postpunk, nur elektronische Musik oder romantischen Pop zu bieten hatte. Im Gegenteil, wenn man nur genug sucht, dann fand sich in Tony Wilsons Sphäre irgendwie alles Erdenkliche und sogar (vormals) Undenkbare.

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