Dienstag, April 15, 2008

Mixtape auf CD 04/2008


This Is The One (20 Titel, 80:04)
01. "Bomba Ião" - Balacabala (Balacabala, 2007): 4:57
02. "20 Hours" - Black Rebel Motorcycle Club (Berlin (7''), 2007): 4:58
03. "New Generation" - Suede (America Is Not The World - Britain Neither, 2008): 4:34
04. "Cottage Industry" - Yeah Yeah Noh (Leicester Square, 1986): 3:45
05. "Sing" - Blur (Trainspotting, 1996): 6:00
06. "Bumble Bee" - JJ72 (America Is Not The World - Britain Neither, 2008): 3:44
07. "This Is The One" - The Stone Roses (The Stone Roses, 1989): 5:00
08. "Evidently Chickentown (Live)" - John Cooper Clarke (Control, 2007): 0:31
09. "Mile End" - Pulp (The Peel Sessions, 2006): 4:29
10. "Everyone Thinks He Looks Daft" - The Wedding Present (George Best Plus, 1997): 4:10
11. "Crucified" - Army of Lovers (Crucified (Single), 1992): 3:22
12. "Get Over It" - Guillemots (Get Over It, 2008): 3:49
13. "Bá/Ch'ain" - Christian Wolz (Danse Macabre Sampler II, 1992): 4:08
14. "Sad Song" - Lou Reed (Berlin, 1973): 6:58
15. "Mastermind" - The Divine Comedy (Regeneration, 2001): 5:21
16. "Green Treefrog (Hyla Cinerea) (From Sounds of North American Frogs)" - Unspecified (Smithsonian Folkways Sampler: A Sound Legacy--60 Years of Folkways Records and 20 Years of Smithsonian Folkways Recordings, 2008): 0:18
17. "Black Satin" - The Raveonettes (Lust Lust Lust, 2007): 2:39
18. "All the time" - EnemynatioN (Unbekannt, 2005): 4:38
19. "Ahora Sí (plena) (From Viento de Agua Unplugged, 2004)" - Viento De Agua (Smithsonian Folkways Sampler: A Sound Legacy--60 Years of Folkways Records and 20 Years of Smithsonian Folkways Recordings, 2008): 3:31
20. "Get Out" - New Order (Control, 2007): 2:44

Aus dem Booklet:

Liebe Mixtape auf CD-Empfänger und Empfängerinnen,
der April macht bekanntlich was er will. Das soll auch diesmal mein Motto sein; ich tue, was mir sehr am Herzen liegt. Eines muss ich noch loswerden: Kassetten sind so viel toller als CDs, man hat 10 Minuten mehr Platz. Die fehlen mir beim Zusammenstellen dieser CD oft. Nun aber 80 Minuten Musik:

1.Manchmal bin ich richtig zufrieden. Das ist immer dann der Fall, wenn ich Musik entdecke, die mich fesselt. Diesen Monat startet das Mixtape auf CD mit Balacabalas fesselndem Bomba Ião1. Ich schätze, dass was die Brasilianer (sind Paulistas2) hier abliefern, läuft unter Avantgarde Fusion. Meine Herren & Damen, selten so etwas Aufregendes gehört. Übrigens, wenn's mit dem Bandnamen nicht so recht klappen will, je schneller man es sagt, um so einfacher wird es. In doppelter Lesegeschwindigkeit nachsprechen:Balacabala-Balacabala-Balacabala3. Und grandios, wie die Dame dann noch einsteigt und so zart dahinsäuselt...

2.Black Rebel Motorcycle Clubs 20 Hours stammt aus einer Vinyl-Single, die Daniel mal gewonnen und bei uns eingelagert hat, da er selbst keinen Plattenspieler hatte. Nun kann der - wie ich finde - sehr schöne Song in digitaler Form und bei euch auch semi-analog, auf CD, weiter existieren. Thematisch: Vertonung von Liebessehnsucht.

3.Der wird schwierig, ach, wobei, eigentlich ist es mit die tollste Sache der Welt: Was macht man, wenn man ein (wohlgemerkt "richtiges", also auf Kassette) Mixtape geschenkt bekommt? Genau, Peter freut sich darüber immens. Und da angesprochenes Mixtape so exquisit ist, gebe ich einfach ein paar Titel daraus weiter. Hier Suede, hatten wir bereits im März mit Animal Lover, mit dem ganz tollen Song New Generation: But she and I, we soon discovered / we'd take the pills to find each other: ergo richtig große Liebe.

4.Au ja, jetzt kommt wieder das Educational Bit. Diesmal: early 1990's British Music. Zunächst Yeah Yeah Nohs Cottage Industry. Das ist der zynische Song einer Band aus Leicester, der Gewinnen und Verlieren gesellschaftlich betrachtet. Erinnert klanglich an The Fall, ganz späte 1980er. Coverbild erinnert mich an den Blick aus meinem Fenster, direkt auf den Steg.

5.Ich weiß gar nicht, wie ich das hier ankündigen soll. Sing ist einer der genialsten Blur-Songs die mir bisher untergekommen sind. Ich stelle einfach den Text hier hin, da muss jeder selbst was draus machen: I can't feel/ 'Cos I am numb / I can't feel / 'Cos I am numb / So what's the worth in all of this / What's the worth in all of this / Sing to me / So what's the worth in all of this / If the child in your head / If the child is dead / Sing to me4. Song aus den 1990ern, Unterschied bemerkt? Gut.

6.Noch einer aus dem mir geschenkten Mixtape. Fand eigentlich sehr herrlich, was mein Mäzen darüber gesagt hat: JJ72 waren eine Band, mit einem Frontsänger, der vor dem Stimmbruch singen konnte wie eine Frau. Danach war es mit dem Erfolg vorbei, dennoch ist Bumble Bee ein wahnsinnig packender Song. Ein anderer Kritiker schrieb: "[...] die Platte einer Band, die sich überall und nirgends bedient, sich aus allen Welten nur das beste holt und eine unspektakuläre, aber in ihren Songs meist stimmige Platte zustande bringt, die von ihrem Mut und ihrer Leidenschaft zeugt, aber mitunter noch etwas weich in den Knien wird. Ein Debüt eben." Charmant gesagt!
Die Anspielung mit der Hummel decke ich hier nicht auf, bleibt geheim, habe ich versprochen.

7.Weiter gehts mit der Bildung: Madchester5 1980er! The Stone Roses, genau! Einflussreich für alles, was ab 1990 sich in Großbritannien musikalisch getan hat. Ian Brown und Band legen ganz gemütlich los und dann wird ein echter Ohrwurm draus. Lebt weiter in: Arctic Monkeys, Blur, The Charlatans, Coldplay, Suede, The Verve etc. Muss man also kennen :-)

8.John Cooper Clarkes Evidently Chickentown möchte ich fast das Hörbuch für die Postmoderne labeln. Warum? Also: Es beinhaltet mit "fucking" die stilprägende Vokabel schlecht hin, dauert ziemlich genau 31 Sekunden (unterbietet damit knapp die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des postmodernen Otto oder Lieschen Müller) und ist kein Song, sondern fast schon zeitgemäß gerappt.
Kann mal jemand schnell zählen, wie oft "fucking" darin vorkam? Belohnen würde ich derartige mathematische Höchstleistungen mit einem spendierten Kaffee/Tee/Kakao. Ergebnisse wie immer per E-Mail an mich.

9.Weiter geht es in der Popgeschichte. Pulps Mile End ist das Stück für die 1990er in sozialer Hinsicht. Hinter der bemerkenswerten musikalischen Seite verbirgt sich eine recht akkurate Zeichnung der Zustände britischer Vorstädte jener Zeit:
It smelt as if someone had died; / the living-room was full of flies, / the kitchen sink was blocked, / the bathroom sink not there at all.6
und ein paar Zeilen später kommentiert Herr Cocker: Below the kids come out tonight, / they kick a ball and have a fight / and maybe shoot somebody if they lose at pool.7
Wie gesagt, bemerkenswerter Song, weil musikalisch leichtfüßig, inhaltlich anspruchsvoll.

10.Nochmals Musikgeschichte, hier eher etwas, was sonst im Archiv verstaubt. The Wedding Present mit Everyone Thinks He Looks Daft waren musikalisch wichtig, schnelle Gitarrenrhythmen, die später ja oft zu hören waren. Ein feiner Song, vorgetragen im Duo, handelt von Liebe und Eifersüchteleien. Kurzversion: Jeder denkt, er sieht blöd aus [aber er ist es nicht].

11.So, jetzt ist mal Zeit für einen echten Stilbruch. Diverse Male wurde mir schon vorgeworfen, mein Musikgeschmack sei unmöglich. Solche Zuschreibungen erfreuen mich natürlich, machen mich fast schon stolz. Und in dieser Tradition gibt es eine ganz unmögliche 1990er-Nummer von Army Of Lovers, der wohl androgynsten Band jener Zeit. Ach, ist das trashig, wenn wir uns alle genug darin gesuhlt haben, machen wir mit dem nächsten Titel weiter - keinesfalls eher!

12.Wer gedanklich noch bei Army Of Lovers ist, dem schreie ich entgegen: Get Over It, Whooohohoo. Oh ja, dieser CD habe ich wirklich entgegen gefiebert. Aus dem brandneuen Album Red von den Guillemots stammt Get Over It. And you want my side, my side of the story? Well, I want you, I want you like I am eighteen but I am tied to my babe...8

13.Von einer Schallplatte aus Davids Fundus stammt das ziemlich aufregende Bá/Ch'ain von Christian Wolz. Ich kannte den ja wieder mal gar nicht vorher. Das ist ein Stimmperformance-Künstler, der solche Kehlkopflaut-Sachen macht. Der ist auch schon im Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig aufgetreten. Vor der Zersetzung auf Vinyl bewahrt, macht er nun für euch Kunst auf dem Mixtape.

14.Bildung ist eigentlich das Beste, was euch passieren kann, hört nur mal.
Wusstet ihr, dass Berlin eine ganz bedeutsame Rolle für die Popmusik inne hat? Eine Reihe von mir geschätzter Künstler hat Alben dort aufgenommen Lou Reed 1973er Berlin, Bowies 1977er Low, Rufus Wainwrights 2007er Release The Stars, um mal einige zu nennen. Sad Song von Lou Reed ist ein musikalisch unheimlich schöner, textlich aber ziemlich verstörender Song. Er zeigt, wie man sich irren kann (und wie gut es musikalisch klingen kann, wenn man beschließt, sich selbst wieder aus der Grube zu ziehen - Go for it, Lou, go for it!).

15.Jetzt breche ich mal eine Lanze für die lokale Community: Fast an der Kreuzung Karl-Liebknecht-/Kurt-Eisner-Straße gibt es mit Whispers Records einen Plattenladen, der nicht nur recht gut sortiert ist, sondern auch sehr vernünftige Preise bietet. Kauft CDs doch in Zukunft mal dort. Ich habe mir neulich dort The Divine Comedys Regeneration, aus welchem wir jetzt Mastermind hören, gekauft. Ein Song über über Menschen, wie wir alle. Und das erfreuliche Resultat Neil Hannons musikalischen Nachsinnens: So tell me what the hell is normal and who the hell is sane? / And why the hell care anyway? / All the dreams that we have had are gonna prove that we're all mad and that's OK9

16.Nach so viel philosophischem Input, hier mal etwas Gegenständlicheres. Wer schon immer mal wissen wollte, wie ein Grüner Baumfrosch klingt, der kann hier nun das faunistische (Halb-)Wissen erweitern. Gefunden habe ich das auf einem Smithsonian-Sampler. Lustiger Einfall.
17.Ein wirklich außerordentlich schönes und, ach, wohlfühliges Album ist Lust Lust Lust von The Raveonettes aus Dänemark. Und, ist Black Satin ein schöner Song. Hmm, so schön. Dieses Album nehme ich ein paar Wochen lang auf JEDE Frühlingswiese mit. Traumhaft.

18.Ja, auch hier im Saalkreis und speziell in Halle haben wir gute Musik und tolle Künstler. Irgendwann mal beim SchwuLesBischen Straßenfest in Halle aufgetreten sind EnemynatioN und einige Songs blieben mir im Ohr. Im Internet gibt es auch ihr Subzero, das ist auch ganz toll. Für heute erstmal All the time, Musik, ganz echt, aus dem hallenser Umland. Richtig niedlich war der Sänger auch *schäm*

19.Mit Ahora Sí erlaube ich mir noch ein Mal etwas Schwung hinein zu bringen. Dieser erfrischend rhythmische Titel stammt ebenfalls vom angesprochenen Smithsonian-Sampler. Klingt ein wenig wie die Familie Cruz10 aus Peru, finde ich.

20.Der Rausschmeißer ist diesmal ganz wirklich einer. Get Out von New Order, ebenfalls auf dem Soundtrack zu Control, der mich wirklich begeistert hat: da war alles von schön bis sehr, sehr schräg drauf. So muss ne ordentliche CD sein! Geschissen auf die sogenannte "Durchhörbarkeit" meint Euer Peter.
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1 brasil. Portugiesisch: Die Bombe Iaos. Ião/Iao ist eine mystische Gestalt, taucht unter anderem im Sanskrit auf.
2 Bewohner von São Paolo, fünft größte Stadt weltweit nach Einwohnerzahl.
3 Balacabala: ist zunächst mal kein Wort aber könnte eine Zusammensetzung mit "cabála", was Kabale bedeutet, sein.
4 Ich kann nicht fühlen / denn ich bin taub / ich kann nicht fühlen / denn ich bin taub / Was ist nun der Wert in alledem / Was ist nun der Wert in alledem / Wenn das Kind in deinem Kopf / Wenn das Kind tot ist / Sing zu mir
5 Madchester: musikalische Bewegung in der Stadt Manchester, auch Manchester Rave genannt, während der späten 1980er und frühen 1990er Jahre. Katalysator: der Klub The Hacienda und das ansässige Label Factory Records.
6 Es roch, als wäre jemand gestorben / das Wohnzimmer war voller Fliegen / Der Küchenabfluss war verstopft / Im Bad gleich gar nicht vorhanden
7 Nachts kommen die Kids auf die Straße / Sie kicken einen Ball, haben einen Kampf / und schießen auf jemanden, wenn sie beim Pool verloren haben
8 Und du willst meine Version dieser Geschichte? Nun, ich woll dich, will dich, als wäre ich Achtzehn doch ich bin an mein/e Liebste/n gebunden
9 Also sag mir, was zur Hölle ist normal und wer zur Hölle ist vernünftig? / Und warum zur Hölle sich überhaupt darum sorgen? / Alle die Träume, die wir hatten, werden zeigen, dass wir alle verrückt sind und das ist okay
10 Nicomedes Santa Cruz und Victoria Santa Cruz; machen beide so afroperuanische Musik. Mindestens Victoria war schon auf dem Mixtape auf CD dabei

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