Samstag, März 15, 2008

Mixtape auf CD 03/2008




Animal Lover (17 Titel, 80:00)

01. "Idealistic" - Digitalism (Idealism, 2007): 4:11
02. "Rebel Prince" - Rufus Wainwright (Poses, 2001): 3:44
03. "Shadowplay" - The Killers (Control, 2007): 4:11
04. "Let's Dance To Joy Division" - The Wombats (A Guide To Love, Loss And Desperation, 2007): 3:13
05. "Bizarre Love Triangle" - New Order (Singles, 2005): 4:22
06. "Say Hello Wave Goodbye '91" - Soft Cell (The Dark Side, 2004): 5:22
07. "Traverse" - Audrey (Visible Forms, 2006): 6:18
08. "Through The Windowpane" - Guillemots (Through The Windowpane, 2006): 3:38
09. "Wátina (I Called Out)" - Andy Palacio (Wátina, 2007): 4:44
10. "Animal Lover" - Suede (Suede, 1993): 4:18
11. "Devil (Demo Version)" - David & The Citizens (1999 - 2005, 2006): 2:25
12. "Fyrepond" - Kiln (Dusker, 2007): 4:17
13. "Master of the bump (Kurt Stumbaugh, I can feel the soil falling over my head)" - Xiu Xiu (Women as Lovers, 2008): 3:57
14. "To Die" - Decoder Ring (Fractions, 2005): 3:26
15. "Warszawa" - David Bowie (Control, 2007): 6:21
16. "One Night On Earth" - The Veils (One Night On Earth, 2007): 4:10
17. "Autobahn" - Kraftwerk (Control, 2007): 11:23

Aus dem Booklet:

Liebe Mixtape-Konsumenten und Konsumentinnen,

ein neuer Monat bricht an und folglich ist es auch wieder Zeit für ein paar musikalische - wie ich hoffe - Neuentdeckungen. Was mir noch am Herzen liegt: Warum sind CDs bei uns so teuer und in Irland so preiswert? Und, ach ja, liebe Musikindustrie, ich weiß, du möchtest dich gerne von CDs verabschieden, ich aber mag sie recht gerne und würde daher auch in 10 Jahren noch die Möglichkeit haben wollen, CDs zu erwerben. Danke & nun viel Spaß mit der Musikauswahl im März.

1.Dieser Titel hätte auch ganz gut auf die CD vom Januar gepasst: Idealistic von Digitalism, einer der Bands mit dem wohl bestfrisiertesten Frontmann1. Kostprobe? Hier I had the idea that you were here...

2.Aus Irland habe ich mir Herrn Wainwrights Poses mitgebracht. Auf dieser Platte beweißt er, dass er alles andere als ein Poser ist; mir fiel die Wahl zwischen den vielen guten Titeln sehr schwer, aber ich glaube Rebel Prince ist ein guter Kompromiss. Darüberhinaus ist es ein textlich sehr solider und musikalisch sehr elaborierter Lovesong. Ich meine, man höre nur mit wieviel Selbstbewusstsein er diese Höhen quasi "hinwirft", man beachte seinen Gesichtsausdruck dabei. Okay, ich verliere mich in subtilen Erotisierungen meiner Lieblingsinterpreten...

3.Offengestanden weiß ich über The Killers gar nichts. Wirklich. Ich habe ein Lied auf einem Mixtape von Daniel, mehr aber auch nicht. Nachdem ich Control2 (sehr empfehlenswert) im Kino gesehen habe, orderte ich den Soundtrack und für euch ist davon das grandiose Joy Division-Cover Shadowplay herausgesprungen.

4.Okay, das tue ich jetzt wirklich nur, weil es sich thematisch aufdrängt. Die Platte von The Wombats ist alles andere als abwechslungsreich, ich habe sie nicht an einem Stück durchhören können, zu viele "huhus" und "woahs" andauernd. Ich sage nicht, sie ist schlecht, aber gemessen am steilen Aufstieg der Gruppe, prophezeie ich ein allzu schnelles Vergessenwerden. Wie gesagt, thematisch passend: Let's Dance To Joy Division.

5.Nachdem wir Joy Division abgearbeitet haben, liefere ich der Vollständigkeit halber auch gleich noch die Nachfolgeband: New Order mit Bizarre Love Triangel. Ein Song über die emotionalen Schwierigkeiten geheimer Liebschaften, aber, hey, erotische Geheimniskrämerei finde ich eigentlich auch ganz prickelnd...

6.Neulich laß ich, dass die Musik der 1980er Jahre sehr gefühlsbetont wäre, von unerfüllten, unmöglichen Liebesverhältnissen und Drogenerlebnissen handelte. Ja, was soll ich sagen. Wir haben hier mit Soft Cells Say Hello Wave Goodbye '91 ein sehr gutes Beispiel für die erste Kategorie. Da ich mich für nichts schäme: Ich finde den Song richtig Klasse, lacht nur...

7.Aus dem Jahr 2006 stammt Traverse3 von Audrey. Wir haben sie bereits mit Mecklenburg auf der letzten Mixtape-CD gehört. Traverse ist eine dichte, ruhige Nummer, die mich insbesondere durch die fast schon choralen Gesangspassagen der ausschließlich weiblichen Bandmitglieder beeindruckt hat.

8.Ich konnte nicht klären, warum Fyfe Dangerfield in Through My Windowpane singt Woke up with a shoe in my mouth aber es wird eine ganz plausible Erklärung dafür geben. Dabei steht den Guillemots normalerweise der Sinn gar nicht nach Erklärbarkeit. Vielmehr sind ihre Songs Kunstwerke, die einen irgendwie immer betreffen, sie machen fröhlich und traurig, ohne dabei hoffnungslos daherzukommen oder erklärbar zu sein. Ach ja, und sie haben mit Herrn Magrão einen Brasilianer in der Band :-D

9.So, für die Garfinuna-Sprecher unter meinen Rezipienten: Mit Andy Palacio (leider viel zu früh im Januar diesen Jahres verstorben) präsentiere ich euch den kulturellen Botschafter dieser belizischen Ethnie. Wátina, sagt ja die englische Übersetzung, heißt so viel wie "ich rief es hinaus" und es zeichnet sich durch den rein garifuna-sprachlichen Text aus. Die Platte ist eine verlockende Mischung aus durch Gitarre und Chor begleiteten Songs. Perfekt für einen Moment in der Sonne, die in Belize, wesentlich näher am Äquator als wir, beinahe 12h pro Tag scheint.

10.Mit Rückgriff auf die Wombats präsentiere ich hier an dieser Stelle die Band, mit der alles begann und einen kleinen Exkurs Popgeschichte. Wie sagt die Guardian-Liste4 so schön: Without this ... no Oasis, no The Kooks, no Britpop at all. Tatsächlich war Suede eine der wichtigsten Gruppen für die Entwicklung des sogenannten Britpop. Kommerziell nie so erfolgreich wie die Gruppen in ihren Fußstapfen, schon gar nicht in den Staaten. Ihnen war der Frontsänger zu androgyn, die Texte zu gefühlsbetont und blablabla...Bild gibt es hier. Die Platte Suede ist von 1993 und ich bin begeistert von Passagen wie dieser:
You'll pierce your right ear, pierce your heart here,
the skinny boy is one of the girls


11.Ja, Ja, ich weiß, David & the Citizens waren schon mal mit diesem Song vertreten. Aber wer diese Version nicht liebt, der hat kein Herz. Mal ernsthaft. Es ist die beste Demoversion eines Songs, die ich seit langer Zeit gehört habe. Hört nur wie genial roh und unbearbeitet das klingt. Falls euch das nicht gefällt, zum Devil mit euch!

12.So merkwürdig die Einordnung "ambient" zunächst wirken mag, um so genialer hat sich dieser Song dann offenbart. Kiln präsentieren mit Fyrepond5 hier einen elektronischen Titel, der klingt, als würden wir einer Zeremonie von wie auch immer gearteten indigenen Trommlern und Menschen, die auf Granitplatten kratzen, lauschen, die dann und wann durch ein Set von Melodien begleitet werden. Ich sehe Gesichter mit dunklen Augen und bemalte Körper vor meinem geistigen Auge tanzen.

13.Xiu Xiu dürfte zu den anspruchsvollsten Interpreten zählen, die ich in meiner Sammlung habe. Eigentlich singt er immer über Vergewaltigung, emotionalen Niedergang, Gewalt, politisch Verfolgte (er hat einen Song Guantanamo canto), Hass auf sexuelle Minderheiten und dergleichen mehr. Dennoch begeistern mich seine Songs immer sehr, ja, ich bin gerade zu froh, dass es Künstler gibt, die uns nicht das Blaue vom Pophimmel heruntersingen sondern uns auch mit den unbequemen Wahrheiten unserer Gesellschaft konfrontieren: Master of the bump (Kurt Stumbaugh, I can feel the soil falling over my head). Stumbaugh ist übrigens ein Saxophonist in einer anderen Gruppe oder ein Großindustrieller. Sucht euch aus, ob ihr subtile Musikreferenzen oder knallharte Kapitalismuskritik darin hören wollt.

14.Zugegebenermaßen ist Sterben ja kein besonders schönes Thema. Gerade deshalb habe ich mich entschieden Decoder Rings To Die mit auf diese CD zu bringen. Die australische Gruppe zeigt hier, wie schön man Sterben musikalisch illustrieren kann. Vielleicht könnte man diesen Song zu meiner Beerdigung spielen!

15.Oh ja, und diesen bitte auch um den Leuten auch wieder den Ernst der Situation bewusst zu machen. Vom 1977er Album Low ist hier David Bowies Warszawa. Ein extrem düsteres Stück, das, wenn wir eine Titelreferenz zulassen, die musikalische Umsetzung des kriegsgezeichneten Warschau sein könnte. Besonders gelungen ist der Chor in diesem Stück, Gänsehaut.

16.Auch dieser Song war schon ein Mal auf dem Mixtape auf CD vertreten. Aber es gibt Songs, die kann man immer wieder hören und so reiche ich euch an vorletzter Stelle The Veils One Night On Earth von der gleichnamigen Single. Ich mache kein Geheimnis daraus: Ich bin Finn Andrews Stimme erlegen:
I'm not so alone in here tonight
The light shines off the pennies in the street
And love feels such a plausible delight
And now I've learnt the lyrics in full to Auld Lang Sine6

17.Den Rausschmeißer machen heute Kraftwerk mit ihrem Song Autobahn, unnatürlich gekürzt auf 11:23min, für die richtige Version mit stolzen 22:43 war leider kein Platz auf dieser CD. Ich finde, Kraftwerk wird zu unrecht immer so runtergenuddelt überall. Das ist wirklich künstlerische Musik, wenn man bedenkt das dieser Song von 1974 ist. Habe mir daraufhin gleich das Album aus der Musikbibliothek geholt. Fazit: Bemerkenswert.

Viel Vergnügen und erhellende Momente.


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1 Davon abgesehen zeigen die beiden Herren, wie gut zwei Kulturkreise miteinander klarkommen können. Das mal zum ständigen Gerede um Intergration...
2 Anton Corbijn, 2007.
3 vielleicht am ehesten: (engl.) leugnen.
4 The Guardian: The 50 Albums That Changed Music, http://arts.guardian.co.uk/features/story/0,,1821231,00.html [22. Februar 2008].
5 meine Kenntnisse nordischer Sprachen halten sich in Grenzen, aber das heißt Feuersee (engl. Firepond) oder?
6 Auld Lang Sine (old long since - lang, lang her) ist ein vertontes Gedicht von Robert Burns (schottischer Poet, 1759 -1796) und wird am Abend des New Year's Day (1. Januar) in vielen anglophonen Ländern gesungen.

Freitag, Februar 15, 2008

Mixtape auf CD 02/2008


Insomnia (19 Titel, 79:38)

01. "Brother" - Annuals (Be He Me, 2006) 3:43
02. "Steak For Chicken (Live '02)" - The Moldy Peaches (Moldy Peaches 2000: Unreleased Cutz and Live Jamz 1994-2002, 2002) 2:32
03. "Sax And Violins" - Talking Heads (Until The End Of The World, 1991) 5:18
04. "The Night" - Tséring Lodoe & A Filetta (Himalaya, 1999) 2:15
05. "Mecklenburg" - Audrey (Visible Forms, 2006) 4:43
06. "Paris, Texas" - Ry Cooder (Paris, Texas, 1985) 2:57
07. "Insomnia" - David Fridlund (Amaterasu, 2004) 3:15
08. "El Bananero (The Banana Vendor) - Rumba" - Unspecified (Songs and Dances of Honduras, 1955) 3:24
09. "La Chichera" - Victoria Santa Cruz (Rítmos Y Aires Afroperuanos, 2005) 2:00
10. "Cariñito" - Los Hijos del sol (The Roots of Chicha, 2007) 4:05
11. "Who Left The Lights Off, Baby?" - Guillemots (From The Cliffs, 2006) 5:02
12. "Calypsoid Band (Cousin Jamie, Redhead, Tomato)" - Various Artists (Caribeana, 1949) 10:24
13. "I Think I'm In Love (AKA)" - The Moldy Peaches (Moldy Peaches 2000: Unreleased Cutz and Live Jamz 1994-2002, 2002) 3:14
14. "Head on" - The Jesus And Mary Chain (Automatic, 1989) 4:12
15. "De Usuahia A La Quiaca" - Gustavo Santaolalla (The Motorcycle Diaries, 2004) 2:48
16. "Marinera" - Unspecified (The Dances of the World's Peoples, Vol. 3: Caribbean and South America, 1958) 2:46
17. "Falling on a Bruise" - Carter The Unstoppable Sex Machine (30 Something, 1991) 5:56
18. "Mist" - The Diableros (Aren't Ready for the Country, 2007) 4:31
19. "Go Forward" - Lisa Gerrard (Whale Rider, 2003) 5:53

Aus dem Booklet:

Geschätzte Audiophile und Audiophilinnen,

das Mixtape auf CD für den Februar liegt vor und ich stelle fest, es teilt so einige Merkmale mit dem Monat selbst: Ungehörigkeit, Unzumutbarkeit, Unvereinbarkeit und Ungereimtheit. Neben einigen Neuentdeckungen aus dem Bereich der westlichen Populärmusik, konnte ich nicht an mich halten und musste einige Stücke aus Folkways-Alben1 mit darauf packen. Die Auswahl ist somit gleichermaßen ungehörig, unzumutbar, in sich unvereinbar und hält daher einige Ungereimtheiten bereit. Aber wie sagte Churchill:
“Every day you make progress. Every step may be fruitful. Yet there will stretch out before you an ever-lengthening, ever-ascending, ever-improving path.2
You know you will never get to the end of the journey. But this, so far from discouraging, only adds to the joy and glory of the climb.”3

Fangen wir also mit der musikalischen Gipfelbesteigung an - ihr könnt nur gewinnen :-D

1.Das Pitchfork-Magazin schrieb über Be He Me der Annuals "We could be writing about this guys all year long.". Und genauso ist es auch, Brother ist ein Titel, der mir bei jedem Hören einen wohligen Schauer bereitet. Diese Energie, die da auf einmal losbricht, ist beeindruckend, oder nicht?

2.Ich weiß nicht, wie gut euch The Moldy Peaches gefallen haben, aber ich habe mir ihr Live-Album gleich noch besorgen müssen. Dort fand ich auch Kimyas und Adams neugestaltetes Steak For Chicken. Manchmal frage ich mich, woran man merkt ob eine Band gut ist. Ist es der Umstand, dass es sie nicht mehr gibt?

3.Der Februar steht auch im Zeichen einiger Soundtracks, Talking Heads' Sax And Violins stammt aus dem großartigen Soundtrack vom noch viel genialeren Wenders-Epos Bis ans Ende der Welt.

4.Auch von einem Soundtrack stammt The Night. Es ist die Musik zu Himalaya, einem Film über das Leben in Tibet. Ich gebe zu, das Ganze kommt etwas spirituell herüber, aber man darf es ruhig in voller Länge hören. Nach musikästhetischen Gesichtspunkten ist dieser Song ein kleines Meisterwerk.

5.Vom Himalaja zurück in heimische Gefilde. Ich habe keinen Schimmer, warum Audrey sich Mecklenburg als Titel für ihren Song gewählt haben. Die exklusiv aus Frauen bestehende Band aus England hat mich mit diesem Song erobert. Das Album Visible Forms hält jedoch insgesamt keine Höhepunkte, dafür aber eine beachtenswerte Gleichwertig- und -Stimmigkeit bereit.

6.So könnte Leere klingen. Ry Cooder fabriziert auf dem Soundtrack zu Paris, Texas eine Filmmusik die eigentlich Nichts darstellen will aber dabei zu Großem erwächst. Übrigens ein Film, mit Harry Dean Stanton und Natassja Kinsky, der überwältigend (emotional) ist.

7.Ich weiß nicht, ob therapeutisches Schreiben mir wirklich hilft. Aber David Fridlunds Song Insomnia ist großartig und lautet darauf, was mich so manche Nacht quält: Schlaflosigkeit. Abgesehen davon ist es einer der schönsten Pop-Balladen, die ich seit langem gehört habe.

8.So, jetzt kommt ein lateinamerikanischer Block. Auf einem Folkways-Album von 1955 habe ich diese Rumba mit dem vielsagenden Titel El Bananero4 entdeckt. Es geht darin um einen Verkäufer von Bananen, der sein Angebot besingt.

9.Victoria Santa Cruz bietet uns passend dazu den Verkäufer biederer Alkoholika dar. La Chichera5 würde wohl in unserem Kontext "der Spätshop" lauten und böte so allerlei Getränke zur Auflockerung des Alltages an. Zusätzlich wisst ihr nach diesem Song alles über Chicha und könnt vielleicht nachvollziehen, weshalb man auch über das Andenbier singt. Naja, wobei, so mancher Europäer singt ja auch nach seinem Pils/Lager, Ale.

10.So, wenn ich jetzt nicht die Kurve bekomme, verliere ich mich im Schreiben über Biere, also gibt es zum Abschluss dieses Themas das fröhliche Cariñito von Los Hijos del sol.

11.Eine meiner liebsten Neuentdeckungen sind die Guillemots. Das ist ja eine so schöne, sentimentale und mitreißende CD. Ich schwärme wirklich sehr dafür. Angetreten sind die Herrschaften um den Pop neu zu erfinden und ich kann dazu nur sagen: Das Rad kann man nicht zweimal erfinden, aber Verbesserung sind in diesem Falle sehr wohl erkennbar. Grandios.

12.Eine weitere Rarität aus dem Jahre 1949 ist Calypsoid Band (Cousin Jamie, Redhead, Tomato) aus einem Folkways-Album, das einzigartig ist. Es bietet lateinamerikanische Musikstücke die durch eine Gruppe aus dem Libanon mit arabischen Musikinstrumenten gespielt werden. Die Qualität bitte ich zu entschuldigen, aber 1949 waren die Aufnahmetechniken noch nicht so gut und eine Schallplatte wird auch nach knapp 50 Jahren nicht besser. Dennoch: absolut überzeugende Musik und vielleicht DIE erste Ethno-Clash-Aufnahme überhaupt. Kleiner Juwel.

13.An dieser Stelle mal etwas in Sachen "Verballhornung eines Love-Songs". Die Moldy Peaches interpretieren I Think I'm In Love. Ein wirklich lustiger Text, man kann die Ironie sogar in den Stimmen hören.

14.Auf The Jesus and Mary Chains Head On6 bin ich mehr oder weniger zufällig in der Musikbibliothek gestoßen. Es ist ein klassisches frühe 1990er Jahre Album aber hat viel mit den Songs der Mary Onettes gemein. Und dürfte darüberhinaus auch für so manchen Hörer dieser CD eine willkommene nicht-weltmusikalische Erholungsphase darstellen.

15.Wieder aus einem Soundtrack stammt De Usuhaia A La Quiaca. Ich habe diese CD schon sehr lange aber der Titel ist immer wieder bemerkenswert. Man kann ihn hier in Deutschland hören und ganz schnell vergessen, dass sich draußen keine weiten Ebenen erstrecken sondern Wohnblöcke stehen.

16.Eine Marinera habe ich auch noch herausgesucht, sie stammt ebenfalls von einem Folkways-Album aus den 1950er Jahren. Marinera ist ein sehr ausdrucksvoller und leidenschaftlicher Tanz der Küstenregionen in Peru. Das ist wie mit der Paella, jede Küstenregion hat ihre (wenn nicht sogar DIE ECHTE) Marinera. Falls jemand gut im Tanzen ist, der Wettbewerb mit den besten Marinera-Paaren findet jährlich im Januar in Trujillo/Peru statt. Ein Jahr Vorbereitung habt ihr ja noch...

17.Falling on a Bruise ist wieder Kritik am Zeitgeist in musikalischer Form. Carter The Unstoppable Sex Machine war schon mal auf dem Mixtape mit einem Titel aus A World Without Dave. Was soll ich noch sagen? Carter schrieb 1991 gleichermaßen zynisch und verachtend, wie auch 2000.

18.Bei Mist handelt es sich um ein Stück vom ersten Album von The Diableros. Mir gefällt sehr gut die Nähe zu Arcade Fire. Für weitere Einschätzungen muss ich das Album noch öfter in Ruhe hören. Ach ja, Mist = Nebel, nur um Verwechslungen vorzubeugen.

19.So, ich habe mit dem Pfad und der Gipfelbesteigung angefangen und genau damit höre ich auch auf. Go Forward von Lisa Gerrad aus dem Soundtrack zum phantastischen Film Whale Rider. Mein ethnomusikalisches Zentrum im Gehirn wird immer ganz unruhig, wenn der Maori-Chor einsetzt. Falls euch das nicht so geht, ja.., dann beherzigt doch einfach das Motto und Titel dieses Songs.

Viel Vergnügen beim Hören wünscht und bis bald.


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1 Smithsonian Folkways Records ist am ehesten vergleichbar mit dem Musikarchiv der Deutschen Bücherei. Ein Traum wäre für mich mal ein Praktikum bei Folkways - da lagern echte Schätze aus den 1940er Jahren, vielleicht sogar noch ältere Wachs-Walzenaufnahmen.
2 Und genau dieser Pfad ist diese CD.
3 also, Augen zu, Ohren auf und auf Play gedrückt.
4 Der Bananenverkäufer oder wollen wir sagen: Bananarist? So wie in Florist ;-)
5 Die Chicha-Handlung. Man erfährt, dass die Chicha aus Terra Nova, einer Region in Peru, die Beste unter den Getränken ist. Und natürlich, wie könnte es anders sein, Chicha hält Körper und Geist gesund. Wohl bekomm's !
6 (engl.) kopfüber

Dienstag, Januar 08, 2008

Mixtape auf CD 01/2008

2080 (21 Tracks, 81:09)

01. "Intro.wav" - PILL (MU.S.GA [Music for Strategy Games] EP, 2007) 0:51
02. "Everyday and today" - The Mary Onettes (Void, 2006) 4:42
03. "Do You Love Me?" - Nick Cave & The Bad Seeds (The Videos, 2004) 4:35 Video
04. "Backseat Of My Mind (Full Version)" - Kissogram (The Backseat Of My Mind, 2007) 3:28
05. "On Top" - The Moldy Peaches (The Moldy Peaches, 2001) 2:03
06. "Marching.wav" - PILL (MU.S.GA [Music for Strategy Games] EP, 2007) 2:22
07. "Stop!" - David & The Citizens (Stop!, 2002) 2:48
08. "Hollow Beatz" - Hard On (Fi(r)st Fuck, 2007) 4:58
09. "Angst" - Bile Negra (Unknown, 2007) 3:20
10. "Night Thoughts Of A Tired Surgeon" - The Veils (Advice For Young Mothers To Be, 2006) 3:35
11. "Sénégal Fast Food" - Amadou & Mariam (2004 - Süddeutsche Zeitung Diskothek, 2004) 4:19 Video
12. "Me boy" - The Tellers (Hands Full Of Ink, 2007) 3:04
13. "Nothing Came Out" - The Moldy Peaches (The Moldy Peaches, 2001) 5:04
14. "Happy Alone" - Kings Of Leon (Youth and Young Manhood, 2003) 3:59
15. "Give me a Chance" - Nutty & Wharfy (Lagos Stori Plenti (Urban sounds from Nigeria), 2006) 4:25
16. "Lewd" - Poems For Laila (Another Poem For The 20th Century 2006 Edition, 2006) 4:23
17. "April Fools" - Rufus Wainwright (Rufus Wainwright, 1998) 5:01 Video
18. "Ban Marriage" - The Hidden Cameras (The Smell Of Our Own, 2003) 4:20
19. "2080" - Yeasayer (All Hour Cymbals, 2007) 5:25
20. "El Milagro Verde" - Los Mirlos (The Roots of Chicha, 2007) 2:43
21. "Long Winter's Coming" - Russenorsk (In A Great Wave Of Horns, 2007) 5:44

Aus dem Booklet:

Für den Beginn des Jahres habe ich folgende Titel - wie immer völlig subjektiv - ausgewählt:

1.Die Einführung übernehmen freundlichst die Brasilianer von PILL mit dem Titel von ihrer EP MU.S.GA [Music For Strategy Games], welches unter CC-Lizenz bei Jamendo vorliegt. Ich bin kein großer PC-Spieler, aber mir scheint, hier hat jemand Versatzstücke aus dem Geräuschrepertoire bestimmter Aufbau-/Siedlerspiele verwendet.

2.Dass das neue Jahr auch nicht viel anders wird, als das vergangene, besingen thematisch The Mary Onettes mit ihrem Everyday and today. Ungelogen sind die sympathischen Schweden eine meiner Lieblingsgruppen und ich dürste nach einem neuen Album. Bitte!

3.Gäbe es eine Hitliste der attraktivsten Musiker, so stünde Nick Cave gleichauf mit David Bowie auf einem der vorderen Ränge. Und natürlich liebe ich ihn, wenn ich so schön gefragt werde Do you love me?. Auf dieser Seite findet sich noch der Song Stagger Lee und die Videos zu beiden Songs. Wie ganz oft, wusste ich nicht, mich mit gutem Gewissen für einen Song zu entscheiden. Hier ist das Video zu Do you love me? und das hier, das ist das geniale Video zu Stagger Lee.

4.Ganz entschieden war ich hingegen bei Kissograms Backseat Of My Mind. So ist mir Elektropop wirklich sehr lieb. Und der Song bietet mir auch Identifikationsmoment: "It feels so good to be a boy". Wie wahr!

5.Ja, auf so geniale Einfälle kann man kommen, wenn einen der dröge Chartmix im Radio nervt. The Moldy Peaches' On Top ist der wohl aufregendste Song, den ich lange gehört habe. Was sage ich? Die ganze CD ist faszinierend. Wer Adam Green mal anders erleben möchte, dem sei dieses Werk empfohlen.

6.Nochmal zurück zu den Brasilianern von PILL: Ihr wirklich gelungenes Marching wollte ich nicht vorenthalten. Was mir an dem Song so gut gefällt, ist die gesampelte Hupe und dieser Kontrast von verspielt und doch düster.

7.Wer sich im üblichen Trott gefangen sieht, dem könnte David & the Citizens aussagekräftiges Stop! helfen, die Kurve zu bekommen. Darf ich noch etwas von dieser Band schwärmen? Ja? Also: David ist eigentlich David Fridlund, stammt aus Schweden (hehe, sieht so aus, als kommt man immer wieder in Kontakt mit den Schweden) und macht nicht nur ganz wundervolle Popsongs mit aussagekräftigen Texten, sondern hat die wohl schönsten gemalten CD-Cover ever! Unbedingt mal anschauen.

8.Zum Ende des Jahres meldeten sich auch die Jungs und das Mädel von Hard On mit einem neuen Song zurück. Hollow Beatz klingt wie der Aufbruch in neue Gefilde aber ist dennoch erkennbar Hard On-ig.

9.Darf es etwas Industrial aus Brasilien sein? Dann hätte ich hier Bile Negra aus Porto Alegre zu bieten. Ich finde es spannend, das eine Band aus dem "glücklichen" Hafen mit einem Industrial-Song von/über/mit Angst debütiert. Ob auch Bile Negra unter Creative Commons (CC) veröffentlichen muss ich mal checken...

10.The Veils' Nux Vomica bekam ich Weihnachten 2006 geschenkt. Seit dem habe ich dieses Album und speziell den Song One Night On Earth ganz oft gehört. Jetzt bin ich auf ihren Single-Fundus gestoßen und höre neuerdings Night Thoughts Of A Tired Surgeon mit viel Spaß, auch wenn Finn Andrews so schreit, als täte man ihm etwas. Was soll man sagen? - es sind halt nicht alle so zurückhaltend wie die Nordeuropäer.

11.Es gibt sogar Kulturen, die gelten als besonders empathisch. Meistens sind das die Leute aus dem Süden. Der Senegal liegt nicht sooo ungeheuer südlich aber das mag hier nicht stören. Es könnte die Vorlage für ein Musical sein: Eine blinde Musikerin, ein blinder Musiker treffen sich in einem Hospiz für Sehgeschädigte in Dakar und machen Musik. Irgendwann entdeckt und promotet sie Manu Chao und prompt sind sie berühmt und (womöglich) nicht mehr bitter arm. So war es ungefähr bei Amadou and Mariam. Sénégal Fast Food war einer der Charterfolge 2004 im Bereich internationale Musik, in dem Globalisierungskritiker Chao natürlich auch wieder politischen Sprengstoff miteingeflächtet hat. Das Video zum Song gibt es hier.

12.Ich weiß nicht, wie euch der Song von der EP der Tellers gefallen hat, den ich Ende 2007 mit auf ein Mixtape gepackt habe, aber hier ist ein Titel aus ihrem ersten richtigen Album. Me boy ist wieder etwas selbstzentriert, das tut mir Leid. Wer damit zu große Probleme hat, darf mich gerne mit seiner/ihrer mehr feminin-zentrierten Mix-CD überraschen :-D

13.Apropos feminin: Den traurig-schönsten Lovesong, der mir in den letzten 6 Monaten untergekommen ist, singen The Moldy Peaches mit And Nothing Came Out. Mir bricht beinahe das Herz, wenn Kimya Dawson so traurig singt und so unschuldige Motive bedient:

Just because I don't say anything/ Doesn't mean I don't like you.
I open my mouth and I try and i try/ But no words come out.

Without 40 ounces of social skills/ I'm just an ass in the crack of humanity.
I'm just a huge manitee./ A huge manitee. (gemerkt? Genial oder?)

And besides you're probably holding hands/ With some skinny, pretty girl
that likes to/ Talk about bands, and/ All I wanna do
is ride bikes with you/ And stay up late and watch cartoons.


14.Und wo doch jetzt alle traurig sind, kommt vielleicht Kings Of Leons Happy Alone ganz erlösend. Man kann alleine traurig sein, zu zweit glücklich oder gemeinsam traurig, die Musik von den Kings kann man in jedem Falle hören.

15.Für ganz und gar nicht gewöhnlich und alltäglich halte ich Nutty & Wharfy aus Nigeria, wenn mich nicht alles täuscht sogar aus der Megapolis Lagos. Dort, wo körperliche Fitness und der Besitz einer Waffe sowie die Wahl der richten Freunde über Leben und Tod entscheiden, hat Musik ganz vielfältige Funktionen. Sie ist Flucht aus dem Alltag, kann jugendliche vor dem Abgleiten ins kriminelle Milieu bewahren und ist das Mittel für Gesellschafts- und Regimekritik, wie in Give Me A Chance. Kennt jemand Fela Kutis No Agreement? Ein Paradebeispiel dafür, wie man Musik an der Zensur der Regierung vorbeischleußt: Man nimmt einfach einen Song auf, der 15 Minuten dauert, verpackt den kritischen Text zwischen der 11. und 13. Minute und füllt den Rest mit Perkussions- und Jazzelementen auf. So ist einigermaßen sichergestellt, dass der kritische Text auf den Markt kommt, da die Mitarbeiter bei der Zensur spätestens nach der dritten Minute Jazzperkussion den Passierschein ausstellen. Clever, nicht?

16.Poems For Lila ist eine Berliner Band, die es mir wirklich angetan hat. Ich fühle mich sehr stark an die frühen Alben (will heißen bis 2001) von Rosenstolz erinnert. Auch die Konstellation ist gleich: ein Duett. Was soll ich zu Lewd noch sagen? Würde ich vielleicht gerne mal live erleben.

17.Herrn Wainwrights April Fools sollen hier stellvertretend für meine Sehnsucht nach dem Frühjahr stehen und gleichzeitig sei das Video zum Song empfohlen.

18.Wer im Dezember Roxy Musics Song mochte, der wird The Hidden Cameras Ban Marriage lieben. Aber auch textlich hat es ihre CD The Smell Of Our Own in sich: Ein Album über Körperdüfte und ~Flüssigkeiten verpackt in zauberhaften Glamour-Pop-Nummern.

19.Ob Yeasayer mit 2080 auf das Jahr 2080 anspielen oder das die PIN-Nummer eines der Bandmitglieder ist, werden wir nicht herausfinden können. Ihre Musik scheint mir aber zauberhaft entrückt (könnte also Zukunftsmusik sein) und doch gleichzeitig aktuell. Kann ich uneingeschränkt empfehlen, wenn man mal spirituelle Momente hat und dafür Musik braucht.

20.Spirituell ist nicht ganz der richtige Ausdruck für Los Mirlos Milargo Verde, psychedelisch träfe es schon eher. Genau das ist es auch: Psychedelische Chicha aus Südamerika.

21.Realistische Einschätzungen sind immer schwierig. Ob da nun ein langer Winter noch kommt oder nicht, kann ich nicht sagen. Persönlich wäre ich für Frühjahr, denn den langen Winter kann ich ganz ausgezeichnet musikalisch mit Russenorsks Long Winter's Coming ausleben. Ihr A Great Wave Of Horns ist die erste selbstveröffentliche CD, die ich je gekauft habe. Fühlt sich irgendwie toll an (es ist wirklich ein selbstgebrannter Rohling, beklebt mit einem selbstgedruckten Cover und ein schmales Jewelcase). Ich glaube, die haben es richtig drauf und man kann noch einiges aus Athens, Ohio, erwarten. Eine Leihkopie würde ich allerdings dennoch in fremde Hände abgeben. ;-) Ihren gleichermaßen fabelhaften Song Science Tells Me gibt es hier als Video.

Bis bald und viel Spaß mit - hoffentlich - neuen musikalischen Eindrücken.

Mittwoch, Januar 02, 2008

From Russia With Love: Ya lyublyu tebya (Review)

Neues Jahr hin oder her, ein paar Sachen hängen noch aus dem alten Jahr nach:

You I Love (2004)
Dieser Film hat mein Harmoniebedürfnis wirklich beinahe vollständig gedeckt und mein ästhetisches Empfinden auf angenehme Weise "stimuliert".



Wer meint, ein guter Film müsse zwangsläufig in seiner Handlung komplex oder hochkarätig besetzt sein, dem sei "You I Love" ans Herz gelegt. Ich bin nicht hinreichend über den Bekanntheitsgrad Damir Badmaevs (im Film Uloomji) informiert, würde aber behaupten, er zählte vor seinem Auftritt in "You I Love" nicht zu den Größen des russischen Filmbusiness.

Die Handlung ist einfach, linear, nicht hektisch. Mit der Begegnung Timofeis (Evgeny Koryakovsky) und Veras (Lyubov Tolkalina) in einer Betriebskantine wird eine sich entwickelnde Liebesbeziehung gezeigt. Irgendwann taucht Uloomji auf und stürzt auf die Motorhaube von Timofeis Auto. Dem jungen Mann fehlt augenscheinlich nichts und er übernachtet bei Timofei. Timofei, Werbemacher im "aufstrebenden Russland" mit so brillianten Spots wie "What is love? Cola is love!", erliegt rasch der Faszination Uloomjis. Irgendwann überrascht Vera die beiden und aus der nach bürgerlichen Maßstäben "ordentlichen" Beziehung zwischen Vera und Timofei versucht Filmemacherin Olga Stolpovskaja eine Art befreiendes Roadmovie mit Happy End zu machen, in dem es weniger um das "richtig", noch "falsch" sondern eher um das "es ist" geht.

Mich hat diese natürliche Einfachheit und Authentizität, die Badmaev in der Figur Uloomjis verkörpert, begeistert. Uloomji stammt aus einer einfachen Familie, wuchs mit Mutter und Rentieren auf dem Land auf. Die Einrichtungen der städtischen Welt (EC-Automat, elektrisches Licht) sind komplex, faszinierend und doch begegnet er ihnen mit imponierender Ablehnung.



Der Figur Uloomjis wohnt dank der Besetzung durch Badmaev eine Faszination inne, die sich vielleicht am ehesten mit "animalisch", "erotisch", "natürlich" und "sanft" umschreiben ließe. Schon das Gesicht, sein Blick drückt unheimlich viel aus, finde ich.

Ich finde die in einigen anderen Kritiken erwähnten Vergleiche zu "Sex in the City", bzw. die Vorwürfe eines inakkuraten Kapitalismusbildes und klischeehafter Stereotype unangebracht.

Bezüglich der Vergleiche kann ich nur sagen, der Film zieht bedeutend weiter. Hier geht es nicht darum, ob und wer den schönsten jungen Mann abbekommt. Hier geht es um die Beziehung zwischen unterschiedlichen Menschen mit völlig verschiedenen Lebensentwürfen und um die Aussage, dass auch so verschiedene Lebensentwürfe harmonieren können.

Stichwort inakkurates Kapitalismusbild: Doch, doch, genau so absurd, grotesk und überzeichnet spielt sich der Kapitalismus in den "sich öffnenden Märkten" im Osten von und Osteuropas ab. "What is Love? Love is Cola!" - konsumistische Sinnfreiheit.

Klischeehafte Darstellungen: Schwulenparties mit halb- oder nackten Tänzern gibt es wirklich, gleiches gilt für den schnellen Sex auf der Toilette, auch zu dritt. Es gibt schwule Abgeordnete, es gibt intolerante Menschen und die Architektur Moskaus ist tatsächlich so abweisend, kalt und unwirklich und auch die Ablehnung gegenüber jedweden Minderheiten ist so wenig überzeichnet, wie sie ein exklusiv russisches Motiv ist.



Fazit: Ein schöner Film, der mehr Aufmerksamkeit verdient und aus seinem Schattendasein herausgeholt werden sollte. Einfache Charaktere, eine liebenswerte Story und attraktive Schauspieler.

Dienstag, Januar 01, 2008

Bagdad Café (Review)

Mit Bagdad Café (1987) muss ich noch einen Film würdigen:

Ein bayerisches Touristenpärchen versucht die USA zu erkunden und trennt sich nach kurzer Zeit. Sie steigt aus, beschließt ab "hier" zu laufen und Er fährt davon.

Nach einem scheinbar unendlichen Fußmarsch kommt Jasmine (alias Marianne Sägebrecht) in Bagdad Café, einer Highway-Raststelle gelegen im Nirgendwo bei Las Vegas zu Fuß an.



Den Laden wirft Brenda (CCH Pounder), die just ihren Mann in die Wüste geschickt hat und etwas überfordert mit der Führung einer Raststelle ist. Nun gesellt sich auch noch eine komische Deutsche mit dem Koffer voller Herrensachen in ihr Motel.


Der Film zeigt eine Marianne Sägebrecht, die einen sofort gefangen nimmt. Einer der Schauspielerinnen, die nichts sagen muss, alles funktioniert bei ihr über Gesicht und Körperhaltung. Wäre nicht die hysterische, überforderte Brenda hätten wir hier einen ruhigen Film; Marianne und Brendas Sohn am Klavier und ganz viel Wüste.
Nach und nach kommen mehr Charaktere ins Spiel. Da gibt es den Alt-Hippie, den süßen Hitchhiker mit dem Boomerang, Brendas Tochter und den Sheriff.


Der Film ist erfrischen authentisch: Bayer trifft zum ersten Mal im Leben Farbige. Motel hat plötzlich verdächtigen Gast. Tochter darf endlich Kind sein. Klavierspiel des Sohnes hat zum ersten Mal einen Zuhörer. Ein durchaus traurig optimistischer Film, der zeigt, selbst (oder gerade) die unmöglichsten Konstellationen sind die besten.


Und folglich ist auch die schönste Liebeserklärung die, die ohne viele Worte auskommt: "You know, there are ways prevent problems with the visa, the greencard... -Yes...Will you marry me, Jasmin? -Yes.".

Fazit: Ein ganz großartiger Film, mit überzeugenden Schauspielern, mit viel Atmosphäre und Charme. Ein Film, bei dem man am Ende sagt "Schade, schon vorbei".