Freitag, August 15, 2008

Mixtape auf CD 08/2008




(Fotografie Power Tube von http://flickr.com/people/maurymccown)

Music Is Power (19 Titel, 78:47 min)

Titelliste

01. "Children In Pieces" - Morrissey | All You Need Is Me | 2008 (4:01)
02. "Second Best Death" - Maybe Smith | Second Best Death | 2006 (3:09)
03. "Don't Get Yourself Involved" - Shout Out Louds | Tonight I Have To Leave It | 2007 (4:10)
04. "Reasons To Go" - Last Days | These Places Are Now Ruins | 2007 (4:35)
05. "Let Down" - Radiohead | OK Computer | 1997 (4:59)
06. "Verlass die Stadt" - Gustav | Verlass die Stadt | 2008 (4:23)
07. "Call It A Ritual" - Wolf Parade | At Mount Zoomer | 2008 (2:45)
08. "Souleymane" - Orchestra Baobab | Classic Titles | 2006 (4:27)
09. "Visions" - The Royal Family And The Poor | We Love The Moon | 2003 (4:27)
10. "Enraptured Serene Mesmerism" - XarkaneX | Enraptured Serene Mesmerism | 2008 (4:08)
11. "My Dark Star" - Suede | Sci-Fi Lullabies | 1997 (4:26)
12. "Deer" - Swod | Sekunden | 2007 (3:46)
13. "Beautiful Child" - Rufus Wainwright | Want One | 2003 (4:15)
14. "The Only One (Mix 13)" - The Cure | The Only One | 2008 (3:57)
15. "Lighthouse" - Interpol | Live At Teatro Caupolican, Santiago, Chile (06.03.2008) | 2008 (5:45)
16. "Music Is Power (Live At The BBC, 2006)" - Richard Ashcroft | Live At The BBC, 2006 | 2006 (4:53)
17. "Love Is Noise" - The Verve | Forth | 2008 (4:03)
18. "Saddan Ai Thar (Enchanting Lake Of The Elephant)" - Kyaw Kyaw Naing | Pat Waing: The Magic Drum Circle of Burma | 1998 (4:13)
19. "NaNa" - Wizo | Anderster | 2004 (2:26)


Aus dem Booklet:

Liebes musikinteressiertes Publikum,

mal ganz ehrlich, was wäre die Welt ohne die verdammt wahre Musik Morrisseys, die ernstzunehmenden Hinweise Shout Out Louds, die Indie-Musik der Wolf Parade, das Schöngeistige von Suede, den Pathos eines Rufus Wainwrights, die (erste?) Liebeserklärung von Robert Smith, die genialen Kompositionen von Ashcroft & Co, den sich anzunehmenden Lebensentwurf von Wizo und all die leider nicht so bekannten Künstler aus Burma, Griechenland und Mali? Alles läge ziemlich im Argen... Im August wie immer alles vom Besten. Vielen Dank auch für die ersten Fragebögen, die langsam eintrudelten & nun viel Vergnügen mit dem Mixtape für August 2008.

1.Der Mann singt Wahrheit und ich wüsste nicht, mit wessen Songs ich ein Mixtape auf CD noch eröffnen wollen würde. Morrissey ist immer so brandaktuell: in Children in Pieces besingt er prügelnde Banden Jugendlicher, denen ignorante Eltern, Polizisten, Sozialarbeiter und Richter gegenüberstehen. „They kicked the shit out of very frightened children/Get your hands off me kid/I find my sentimental heart/hardens.“

2.Mit Second Best Death geben Maybe Smith ihr Debut. Ein Song der zwischen Electro-Schnippseln und Country-esker Begleitung pendelt. Die Gruppe selbst stammt aus Canada (ist das eigentlich das Land mit der größten Dichte erfolgreicher Bands?) und besteht so richtig nur aus dem Indie Pop-Singer und Songwriter Colin Skrapek selbst.

3.Die Shout Out Louds sind eine so wunderbare Band. Ich bin noch immer nicht darüber hinweg, dass sie mit Sportfreunde Stiller auftreten mussten. Ich meine, hatte die Knallerbse bei der Booking-Agentur auch nur einmal ihr aktuelles Album gehört? Die hätten in einen kleinen Club gehört, doch aber nicht in die Arena voller Prolls... Hier nun garantiert das Proll-freie Don't Get Yourself Involved. „And this is/ what happened to a friend of mine“

4.Falls man doch irgendwie involviert wurde und besser verschwinden sollte, dann bieten Last Days die passende, ehm, Marschmusik an. Reasons To Go folgt einem ganz interessanten Ansatz: elektronische Musik, die mit möglichst vielen organischen Elementen gemischt wird. Klingt dann ungefähr so, als würde man ein Radio auf eine Wiese stellen, Wiedergabe drücken und das wiederum mit einem zweiten Recorder aufnehmen. Darf man eigentlich Kritik vermuten, wenn eine Band ihr Album mit dem Cover, welches eine wunderschöne Landschaft zeigt, These Places Are Ruins Now überschreibt? Dacht nur gerade so.

5.Ich vergaß in der Einleitung ganz die wohl traurigsten Popsongs überhaupt. Die haben wir Radiohead zu verdanken. Let Down ist einer davon. Zum im Dunkeln weinen, ganz schüchtern und sich dann freuen, dass man das überhaupt noch kann. Auch Traurigsein ist manchmal schön.

6.Gustav versucht genau das Gegenteil: Traurige Dinge in an sich schöne Musik zu verpacken. Ich bin beruhigt, dass sich der Hype um sie wieder gelegt hat (war ja nicht auszuhalten: Die Zeit, Intro, etc.). Verlass die Stadt dürfte unbestritten der Schlüsseltitel des aktuellen Albums sein und wie Recht sie hat, hört nur: „Ist nur ne Frage der Zeit/bis auch hier der nächste Stadtteil brennt/.../Mach die Augen zu/Und wünsch mich ins Zentrum der Leidenschaft zurück/ Die Seele brennt wie auch all der Orte Straßen/ Es ist Zeit diese Stadt zu verlassen“.

7.Call It A Ritual könnte ja fast der Song fürs Mixtape auf CD schlechthin sein. Ein schönes Ritual, Monat für Monat und Spencer Krug + Band haben auch beim letzten Album ganze Arbeit geleistet. Ein sperriges, anspruchsvolles Indie Rock-Album, das total ernsthaft rüberkommt. Bin wirklich beeindruckt.

8.Äußerst beeindruckt bin ich auch von Souleymane vom Orchestra Baobab aus Bamako, Mali. Das ist ein Titel, der mir wirklich die Sprache verschlagen hat, so vielseitig und immer auf der Kante zwischen richtigem Song und Quatschnummer. Dahinter steckt aber ordentlich Arbeit, klingt nämlich überhaupt nicht so, als kämen die Drums ausm Keyboard respektive Drum Computer. Waren also noch echte Musiker am Werk dafür. Ich würde, glaube ich, tatsächlich gern mal Afrika für ein halbes Jahr bereisen wollen. Kommt wer mit?

9.Es tut mir Leid, sicher gehe ich manchen schon auf die Nerven, aber es gibt Musik, die verdient einfach mehr gehört zu werden. Das ist der Fall bei The Royal Family And The Poor. Der Mann (Mike Keane) ist genial. Er schafft alles vom krass neuartigen EBM/Industrial-Song über okkulte Ritenmusik bis hin zu verträumten Nummern ala Cocteau Twins (wie der aktuelle Titel Visions). Wie so oft steckt auch hinter jener EBM/Düster-Schale ein zartfühlender, intelligenter, aufrichtiger Musiker. Es fällt mir total leicht zu sagen: RFATP sind über Nacht in die Reihe meiner Lieblingsbands aufgestiegen. Auch textlich kann ich gar nichts hinzufügen: „Strange as it may seem/ we will live our fantasy“

10.Wo ich doch gerade über düstere Sachen sprach, möchte ich noch eine griechische Band vorstellen, die sich im Bereich ganz dichter, mystischer Musik betätigt. Sie heißen XarkaneX und haben gerade ihr erstes Album festgestellt und offensichtlich eine Sängerin mit sehr, sehr guter Ausbildung. Vorstellen, wie man solche Musik in Griechenland aufführt, kann ich mir auch schon: Man installiert rote und gelbe Scheinwerfer und lässt die Band in einem alten Amphitheater spielen. Bestimmt ganz bewegend.

11.Suede sind auch wieder so eine Band die man viel zu selten hört. Egal worüber die Singen, immer sagen die wirklich etwas aus. Darüberhinaus wissen sie auch, wie man singt und spielt – angesichts der Schnuffel-Hitparadenhasen und der Ich-Bin-im-TV-also-bin-ich-Künstler-Eintagstalente eine echte Ausnahme. Fängt ruhig an und wird – wie so viele Suede-Songs – zu einem Juwel: My Dark Star.

12.Bei Last Days meinte ich vorhin, die würden versuche organische Elemente in ihre Titel zu mixen, bei Swod (übrigens aus Deutschland) ist das etwas anders. Die beschäftigen sich auch viel mit Organik aber machen das alles über elektronische Geräusche. Finde aber dennoch, dass Deer gar nicht so weit weg ist von Reasons To Go.

13.Verdammt, verdammt! Rufus ist einfach Mal der Gott. Neulich gab es eine kleine Privatparty in Berlin. Das Motto: Rettet den Planeten. Rufus zog die Sicherung der Wohnung heraus, Kühlschrank aus, Licht aus, Klingelanlage aus. Er ging ab und an runter um seine Gäste hereinzulassen. Konsequent, wie der junge Mann ist, ließ er nur die Gäste rein, die über Vorhandensein eines Fahrrades oder Nichtbesitz eines Autoschlüssels nachweisen konnten, dass sie per Rad oder zu Fuß angereist waren. Später am Abend gab er einige Titel zum Besten und bat bei Kerzenschein darum, jeder möge jetzt notieren, was er/sie künftig zum Schutze der Umwelt tun möchte und jene Notiz später an eine Pinnwand heften. Such a Beautiful Child, ja wohl!

14.Wo wir gerade bei Zuneigungsbezeugungen sind: The Only One ist auch eine solche. Das dürfte der expliziteste The Cure-Song in dieser Hinsicht sein, schätze ich. Genial, wie Smith alle Ebenen der Liebe abdeckt: I love what you to head [ganz emotional abstrakt], I love what you do to my lips[romantisch erotisch], I love what you do to my hips [gegenständlich sexuell]. Stammt vom neuen Album, das am 13. September erscheint.

15.Das Internet ist schon eine tolle Erfindung. Man kann beispielsweise einen Live-Mitschnitt des Interpol-Konzertes aus dem Teatro Caupolican finden. Ich bin richtiggehend geflasht: Das Konzert muss der Hammer in Punkto Leidenschaft und Intensität gewesen sein. Wie bedacht und dosiert die alles einsetzen, boah. Bei diesem Song kann man die Anlage ruhig mal richtig laut drehen. Das war sicher eine total schöne Show, mit lila Licht, Nebel und raumfüllenden Klängen und, ehm, niedlichen Latinos :D

16.Auch zum verzweifeln heiß: Richard Ashcroft. Der Mann hat eine Stimme, da möchte ich mich wieder schrittweise entkleiden. Himmel, dann sitzt der auf den Pressephotos auch noch mit großer Sonnenbrille und schönen gelockten dunklen Haaren lässig da. Zusätzlich ist der auch noch intelligent und war neulich erst in Glastonbury, wo er gleich mal Jay Z (irgend so ein Gangster-Rapper) zur Schnecke machte. Tja, Music Is Power.

17.Und nicht nur das: Music is love und Love Is Noise. So wahr! The Verve zurück mit neuem Album Ende Juli. The Verve haben mit diesem Song so Recht. Liebe sind Synapsen, die im Kopf durchknallen, ein Bauch, der sich immerzu verkrampft. Vielen Dank für die Musik zum wohl intensivsten Gefühl überhaupt.

18.Apropos intensiv: Einmal (intensive) Weltmusik habe ich noch. Neulich hörte ich einen Vortrag über Trommel-Orchester am burmesischen Königshof und das hier ist einer der berühmtesten Interpreten. Die Konzerte werden reichlich mit Maskentheater untermalt und gingen bis vor 20 Jahren durchaus mal über 5 Nächte. Mich fasziniert diese Musik wirklich sehr, sie ist so ganz anders als alles in Europa. Einzig die Übersetzung des Titels in Enchanting Lake Of The Elephant scheint mir ein Wenig, ach, naja, daneben gegriffen, denn es fällt mir schwer, sie ernst zunehmen.

19.Das ist der letzte: NaNa von Wizo. Punk im 21. Jahrhundert klingt immer noch wie Punk Anno 1970, which is no complaint. Im Gegenteil, mit dem, was sie singen, haben die Jungs von Wizo ja Recht. „Dann bin ich froh, dass ich nicht bin, wie all die anderen sind, denn deren Werte und Moral sind mir scheißegal.“

In diesem Sinne, erhaltet euch schön den für die kritische Betrachtung nötigen Abstand.
Grüße, Peter.

Dienstag, Juli 15, 2008

Mixtape auf CD 07/2008 - 19 Factory Records Tracks


(Fotografie: Manchester von http://duophonix.deviantart.com/)

Fire So Close (19 Titel, 79:41 min)

Titelliste

01. "White Life" - The Names | Spectators Of Life | 2001 (3:03)
02. "Funky Munky" - Northside | Chicken Rhythms + Extras | 2005 (3:11)
03. "Angel Dust" - New Order | Brotherhood | 1994 (3:44)
04. "A Gentle Sound" - The Railway Children | Gentle Sound | 2003 (4:00)
05. "N'Sel Fik" - Fadela | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (7:11)
06. "Fire So Close" - James | Jimone | 1983 (1:48)
07. "Sex Machine" - Crawling Chaos | The Gas Chair | 2003 (5:39)
08. "Seven Reasons" - Revenge | Palatine - The Factory Story / 1979-1989 / Vol. 3 / The Beat Groups | 1991 (4:07)
09. "Electricity" - Orchestral Manoeuvres In The Dark | Live At Leigh Rock Festival '79 | 2006 (3:53)
10. "Low Rider" - Quando Quango | Pigs + Battleships | 2003 (4:29)
11. "Compressor" - Biting Tongues | Compressed (The Factory Recordings 1984-1987) | 2003 (4:51)
12. "Sudan" - Thick Pigeon | Too Crazy Cowboys | 2003 (4:16)
13. "Sex Goddess" - The Royal Family And The Poor | We Love The Moon | 2003 (5:21)
14. "Stains (Useless Body) (Live 13.8.1981)" - The Durutti Column | Live In Bruxelles 13.8.1981 | 2008 (3:10)
15. "Yashar" - Cabaret Voltaire | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (7:29)
16. "Isolation" - Joy Division | Closer (CE) | 1980 (2:53)
17. "English Black Boys" - X-O-Dus | Palatine - The Factory Story / 1979-1982 / Vol. 1 / Tears In Their Eyes | 1991 (4:46)
18. "Skip Scada" - A Certain Ratio | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (2:09)
19. "Sparkle" - Kalima | Palatine - The Factory Story / 1981-1986 / Vol. 2 / Life's A Beach | 1991 (3:41)

Aus dem Booklet:

Liebe Musikenthusiasten,

hereinspaziert zu einer neuen Ausgabe des Mixtapes auf CD. Aus besonderem Anlass (ein Vortrag zur Halleschen Langen Nacht der Wissenschaft), scheint die Musikauswahl auf dieser CD oberflächlich betrachtet sehr homogen; alle Titel sind bei Factory Records in Manchester verlegt worden. Sieht und hört man genauer hin, stellt sich ein breites Spektrum an musikalischen Ausdrucksformen dar. Bei Factory spielten Künstler im Dunstkreis von New Order und Happy Mondays Electro-Pop (Revenge, The Railway Children) bzw. Rave-Musik (Northside), produzierten Fadela das arabische Gegenstück (Pop-Rai, algerische Popmusik) und Bands wie Kalima oder Biting Tongues sorgten für weltmusikalisch-jazzige Anteile am Label-Katalog. Einige Künstler bei Factory wollten mit ihren Texten und/oder Darstellungsformen provozieren. Unter ihnen Gruppen wie das spiritistisch-düstere Projekt The Royal Family And The Poor, deren Auftritte die Musikpresse sturmlaufen ließen. Gleiches bei der Formation Crawling Chaos; bedingt durch die expliziten Texte ihrer Songs ließen sich die Platten nicht verkaufen und Factory kündigte den Vertrag zum Schluss selbst auf. Die Reggae-Gruppe X-O-Dus hingegen kritisierte in ihren Liedern die Benachteiligung schwarzer Bevölkerungsteile im Großbritannien der 1980er Jahre. Das Label um Tony Wilson war nicht zu letzt auch die Plattenfirma, bei dem viele heute bekannte Bands begannen und inzwischen tausendfach CDs verkaufen: James und OMD beispielsweise. Dieses Mixtape auf CD ist eine kleine Auswahl aus dem – selbst 14 Jahre nach der Auflösung von Factory Records – unendlich (aufregenden) Repertoire einiger Musikvisionäre, die selbst einmal so schön sagten: You learn why you do something by doing it. Mögen sich euch hoffentlich viele der folgenden Songs auf gleichermaßen pragmatische Weise erschließen.

1. Der erste Titel stammt von The Names aus Brüssel, Belgien. Das erste Jahr nach Bandgründung völlig übersehen, gerieten sie erst mit ihrem Vertrag bei Factory Records in den Aufmerksamkeitsbereich eines größeren Publikums. Ihre Single Nightshift (darauf auch enthalten der vorliegende Titel White Life) nahmen Sie mit Martin Hannett bei Factory Records 1980 auf. Der erhoffte Erfolg blieb allerdings aus. Viele der Songs von The Names waren für Postpunk zu glatt und doch für ein Massenpublikum zu düster, zu atmosphärisch und zu rauh.

2. Ganz dem Factory-Geschäftsmodell folgend, ist der zweite Titel eine Rave-Nummer. Das zu Funky Munky gehörige Album erschien 1991 und setzt voll auf den Indy-Rave-Trend jener Zeit auf. Man nehme einen tanzbaren Takt, suche einen halbwegs passablen Frontsänger und schicke die Jungs/Mädels in schlumprigen Hosen mit Maracas (Rasseln) bewaffnet auf die Bühne. Darin waren Northside recht erfolgreich, über ihre Auftritte schreibt man, es wären ekstatische Shows gewesen. Neben ihrem Song LSD (der auch von nichts anderem handelt als der Titel verrät), geht es auch in Funky Munky („It feels so good/when what you want is in your blood/lalalalalalala“) eher um Dinge, die Glücksgefühle auslösen.

3. Neben den soeben gehörten Vertretern der Rave-Szene, war Factorys Goldesel New Order. Nach dem Freitod des Frontsängers von Joy Division formierte sich der Rest der Gruppe unter jenem neuem Namen und entwickelte rasch einen Stil, der Postpunk und Dance Music zusammenführte. Die Engländer verdanken New Order nicht nur eine Fußballhymne, sondern auch etliche Nummer-Eins-Songs. Der vorliegende Titel stammt vom 1986er Album Brotherhood und – ist wie viele New Order Songs – nicht einfach zu interpretieren. Für das Design der Hülle ist Chef-Designer Peter Saville zuständig. Er fotografierte eine Lage Titanzinkfolie ab und verzichtete auf Titel- und Interpretenangabe auf dem Cover.

4. Machen wir weiter mit The Railway Childrens A Gentle Sound. Ein Song, der wirklich hält, was er verspricht: zarte, poppig-plüschige Klänge. Das Ganze nimmt sich auch textlich richtig romantisch aus (und kaschiert völlig die Zugehörigkeit zu Factory Records). Daher verwundert es nicht weiter, dass die Gruppe rasch beim Major-Label Virgin Records anlandete und auch in Amerika Platz 1 belegen konnte.

5. Neben bodenständiger Popmusik gab es bei Factory auch algerische Töne zu hören. Fadela (Duett aus dem gleichnamigen Ehepaar) nahm 1987 die Single N'Sel Fik auf. Dem Titel heftet die Anekdote an, dass er eigentlich N'Sal Fik heißen müsste. Ein Schreibfehler der dem Fakt zugeschoben wird, dass viele Algerier zwar mündlich des Arabischen fähig waren, es aber oft schriftlich nicht gleichermaßen beherrschten. Dank Fadela hatte nun auch Manchester eine Musikrichtung (Pop-Rai) die es so damals nur im Arabischen Raum selbst und in Paris gab.

6. James begann mit der EP Jimone, auf der auch der vorgestellte Titel Fire So Close enthalten ist. Während durchschnittliche Musiktitel drei Minuten oder länger dauerten, war keiner der James-Songs auf Jimone länger als zwei Minuten. Die Lieder auch Musikalisch aus der Art geschlagen; eine Mischung aus Folksongs, mit gerufenen Worten, die wahllos aus Magazinen entnommen zu sein schienen, und einem wilden, beinahe funkigen Rhythmus aus schnellen Perkussionseinlagen und sich überlappenden Textstellen. Wenn für einen Titel dieser Band gilt, was ein Kritiker schrieb, nämlich, dass er vorbei sei, bevor er eigentlich richtig angefangen habe, dann für Fire So Close.

7. The Crawling Chaos sind ganz sicher Teil der kuriosen Seite von Factory Records. Ihre Singel Sex Machine beginnt mit der Beschreibung eines für einen jungen Mann folgenreichen Arztbesuches: „I better find a new pair of Jeans/I've been to the Doc/He's got the means/He turned me into a sex machine/He's given me a pair of enormous balls“ und wächst zu einer repetitiven, hämmernden, zuckenden, verzerrten Nummer an, die ob ihrer Obskurität dennoch im Gedächtnis bleibt. Für den NME war das jedoch nichts, der anwesende Reporter resümierte wenig schmeichelhaft: „Ineffectual doodlings on guitar and keyboards became ends in themselves. A guest singer stood at the microphone and coughed for several minutes. Nobody danced or even twitched a leg. The bloke at the mixing desk read the Evening Standard and someone next to me asked the time before falling asleep. Anyone who needs this garbage is probably already dead."

8. Mit Seven Reasons begeben wir uns wieder in etwas weniger anspruchsvolle Gefilde. Zwischen 1989 und 1992 gruppierte der New Order-Bassist Peter Hook einige befreundete Musiker aus Manchester um sich und nahm Titel auf, welche irgendwie doch sehr nach New Order selbst klingen. Insgesamt ein schöner Popsong, nicht zu letzt wegen Zeilen, wie dieser: „Its good to be young/and gifted again/to see if it all happens twice/and watch all the things/ that went wrong in my life“.

9. Electricity war die Maxime jener Zeit. Ob es sich um New Order, A Certain Ratio, kürzlich gehörte Crawling Chaos oder beinahe jede beliebig andere House-, Rave- oder Popband handelte; sie alle waren abhängig von Strom und Verstärkern. Damals noch unter Orchestral Manoeuvres In The Dark agierend, waren die die heutigen OMD offenbar schon in den 1980ern mit der Endlichkeit aller Energievorräte befasst: „All we need to live today/a gift for man to throw away/the chance to change has nearly gone/the alternative is only one/the final source of energy/solar electricity“.

10. Ein weiterer Titel, der unter Umständen einen Aha-Effekt auslöst. Kaum einer kennt Quando Quango aber Low Rider dürfte einigen schon mal untergekommen sein. Das New Wave Dance Projekt macht musikalisch große Anleihen bei lateinamerikanischen Rhythmen, dem Jazz amerikanischer Großstädte und einer Portion jener Musik, wie man sie auch bei Fela Kuti hört. Frau Dr. Hillegonda Rietveld arbeitet seit dem Ende von Quando Quango an der London University und forscht im Bereich underground dance music. Wer hätte gedacht, dass unter dem akademischen Personal auch Popstars sind...

11. Zunehmend bewegen wir uns in den Bereich der ganz stark expressiven Bands. Eine von ihnen ist Biting Tongues. Eine Gruppe von Aus Manchester stammenden jungen Männern entschied sich für die Möglichkeiten, der Wilsons allen offenstehende Club The Haçienda bot, zu nutzen. Ihre Musik, ursprünglich als Filmmusik zum Werk Biting Tongues konzipiert, war eine skurrile Mischung aus allem, was irgendwie Geräusche (respektive Krach) machte. Zusammen mit einem Perkussionisten, der so etwas wie einen Northern Soul-Rhytmus spielte, einem Sänger, der wie ein CNN-Moderator auf Drogen wirkte und einem Saxophonisten, der damit beschäftigt war, den Rhythmus zu finden, müssen Biting Tongues eine ziemlich aufregende Show abgeliefert haben.

12. Aus New York nahm Factory Carter Burwell (heute Produzent vieler Filmsoundtracks) und Stanton Miranda (bei Sonic Youth und auch Schauspielerin) mit ihrer Formation Thick Pigeon unter Vertrag. Im Gegensatz zu Biting Tongues war ihre Musik minimalistisch bei der Verwendung von Instrumenten, dafür kreierte sie eine dichte, teils alptraumhafte Atmosphäre mit geisterhaften Andeutungen der sich noch zu entwickelnden Techno-Musik. Darüber wurde noch Mirandas undeutbarer Gesang („They will never see Sudan“) gelegt. So entstand eine Platte, die auch heute noch Maßstäbe im Bereich elektronischer Musik setzt.

13. Ist es Zufall oder Vorhersehung, dass ausgerechnet Michael A. Keanes Sex Goddess den
dreizehnten Titel dieser Zusammenstellung bekommt? Vermutlich ist es einer höheren Kraft zu verdanken. The Royal Family And The Poor sind mein liebster skurriler Factory-Act. Musikalisch widerspricht dieser Titel ja wohl so ziemlich Allem, was wir bisher aus dem Factory-Katalog gehört haben, wenn es nicht gar auch dem Konzept eines ordentlichen Liedes zu wider läuft. Ein Mann rezitiert „The swarm of the night knows“, wird unterbrochen von einem Bass, der wie ein Fallbeil niederstürzt, ein Mischwesen aus Mensch und Wolf heult, schreit, kreischt „Don't leave me“. Ein furchterregender Männerchor brummt ein „ohhh“ und wird fortan unterbrochen von Jammern und Flehen. Der Bass wird hektischer und findet sich letztlich, untermalt von jenem „ohhh“, plötzlich in einen Song mit der Zeile „Sex God/Sex Goddess“. Das passiert aber erst in Position 2:20min, und erinnert zumindest ganz leicht an einen normalen Song. Viel Zeit bleibt nicht; nach 4:30min setzt der Fallbeil-Bass wieder ein und das Heulen des Mischwesens übernimmt. Songende. Willkommen in der spiritistischen Welt von Keane, dessen Lifeauftritte auch gern aus dem Verlesen selbstgeschriebener Gedichte/Texte zu einem wummernden Bass bestanden. Ein – wenn auch streitbarer – Visionär, dessen Musik sich einem einbrennt, falls man sich einlässt.

14. Zurück in etwas weniger nervenaufreibende Gefilde. Vini Reily ist der mit Abstand am wenigsten gealterte Factory-Künstler. Ein Mann, drahtig wie Iggy Pop, mit einem Gesicht, das auch jeder 25jährige tragen könnte. Die Texte, auch bei Stains, oft befasst mit Vergänglichkeit, Liebe, Unglück und auf der Suche nach Sinn. Seine stark gitarrenbasierte Musik ist wird untermalt durch seinen klagenden Gesang – schon seit genau 40 Jahren.

15. Cabaret Voltaire steuern zu diesem Mixtape auf CD noch einen Titel bei, der damals auch recht revolutionär war. In Yashar sampeln sie eine Zeile aus einem bekannten britischen Fernsehfilm („There are 70 bilion people on earth/where are they hiding?“) und mischen dazu eine Art House-Musik. Das Ganze wird auf siebeneinhalb Minuten ausgedehnt und unterbrochen von trickfilmhaften Stimmchen.

16. Kommen wir noch zu der Factory-Band überhaupt. Joy Division, eine Gruppe damals junger Mancunians, mit denen die Geschichte von Factory Records begann und die Geschichte der Gruppe eigentlich fast wieder endete. Mit dem Freitod Ian Curtis' kurz vor der Amerikatournee wandelte sich beinahe alles. Aus Joy Division wurde New Order, aus Postpunk wurde Pop. Vielleicht kann Isolation für jenes Gefühl Curtis' stehen und zugleich auch für die musikalische Andersartigkeit vieler Factory-Bands.

17. An vorvorletzter Stelle erlaube ich mir noch einen eher untypischen Factory-Titel zu bringen. X-O-Dus war eine Reggae-Band einiger junger Briten afrikanischer Abstammung, welche ihrer Reggae-Musik eine starke Protestebene verliehen. Sie sangen gegen auf Vorurteilen basierende Benachteiligung an. Zeilen wie „I went to an English school/my skin colour is black/what difference is that?“) rufen auf, längst überholte Konzepte zu überdenken. Musikalisch jetzt nichts Besonderes, aber hier ging es eher um die politische Message.

18. Skip Scada ist einer dieser etwas ulkigen Titel, die klingen, als wären sie eine Mischung aus Karnevals- und Samabtönen Südamerikas. Neben solcherlei Nummern machten A Certain Ratio oft auch House oder Electronic Music.

19. Bleiben wir doch für den letzten Titel gleich noch auf dieser Jazz-Samba-Funk-Fussionsebene. Sparkle von Kalima ist ein sprechender Song. Er ist hell, leuchtend, zuckend und unheimlich rhythmisch. Eigentlich der beste Beweis dafür, dass Factorys Katalog keineswegs nur Postpunk, nur elektronische Musik oder romantischen Pop zu bieten hatte. Im Gegenteil, wenn man nur genug sucht, dann fand sich in Tony Wilsons Sphäre irgendwie alles Erdenkliche und sogar (vormals) Undenkbare.

Sonntag, Juni 15, 2008

Mixtape auf CD 06/2008



Foreign Rendezvous (79:21, 19 Titel)

Titelliste

01. "Abgesang" - Gustav | Verlass die Stadt | 2008 | 3:57
02. "Music Now" - Frightened Rabbit | eMusic Sessions: Live At Urban Outfitters - SXSW 2007 | 2007 | 3:55
03. "Sound" - James | Seven | 1991 | 6:40
04. "Sicily" - Youth Group | Casino Twilight Dogs | 2006 | 2:10
05. "Foreign Rendezvous (Live)" - The Names | Spectators Of Life | 2001 | 4:27
06. "Juno" - Tokyo Police Club | Elephant Shell | 2008 | 2:14
07. "Til The End Of Time" - DeVotchKa | Little Miss Sunshine | 2006 | 3:57
08. "Cape Cod Kwassa Kwassa" - Vampire Weekend | Vampire Weekend | 2008 | 3:34
09. "Waalo" - Star Number One | Slow Music from Africa | 2007 | 5:50
10. "Lovers" - The Tears | Lovers | 2005 | 4:02
11. "My Time Outside The Womb" - Titus Andronicus | The Airing Of Grievances | 2008 | 2:54
12. "Gobbledigook" - Sigur Rós | Með Suð I Eyrum Við Spilum Endalaust | 2008 | 3:08
13. "Elton D'Août" - Malajube | Etienne D'Août | 2007 | 5:12
14. "Pretty In A Panic" - My Latest Novel | Wolves | 2006 | 4:19
15. "Es ist wieder Frühling" - Anajo | Hotelboy | 2008 | 2:54
16. "Every Little Counts" - New Order | Brotherhood | 1994 | 4:28
17. "Creeper" - Islands | Arm's Way | 2008 | 3:15
18. "Head On The Block" - The Mighty Lemon Drops | World Without End | 1988 | 3:38
19. "3 Seconds Of Dead Air" - The Twilight Sad | The Twilight Sad | 2006 | 8:47


Geneigtes musikinteressiertes Publikum,

herzlich willkommen bei einer neuen Ausgabe des Mixtape auf CD. Im Juni gibt es eine bunte Mischung aus kreativ verpackter Kritik am vorherrschenden Zeitgeist, ganz exquisite und auch bodenständige Rockmusik, etwas Punk findet sich und ein paar internationale Einsprenkler sind auch an Bord.

1. Den Auftakt machen wir mit Gustav. Enthusiastisches Kreischen bitte! Letzte Woche muss auch ein Redakteur bei der Zeit aufgeschreckt sein, jedenfalls fand sich in dem Blatt plötzlich ein Verweis auf Gustav. Im Grunde egal, ich und ihr alle wart eher: Wir kennen Gustav schon seit ihrem ersten Album von 2004. Gerne erkenne ich an, dass Gustav in dieser Zeit um Welten politischer, bissiger, allerdings musikalisch auch unbequemer geworden ist. Hier nun die kongeniale Eva Jantschitsch mit ihrem Abgesang. Recht hat'se, leider. Eine CD, die in keinem feministisch eingestellten Haushalt fehlen darf. Etwas (bissig-kritischen) Text gefällig? „Ich habe beschlossen/ich gehe konform/ich stelle mich richtig/und entspreche der Norm/ich wollte viel ändern/und die Jahre sie vergehn/und ich hab nichts bewirkt/und es blieb alles stehn“

2. Manchmal denke ich, Musiker schreiben ihre Titel explizit für mein Mixtape. Wie sonst soll man Music Now von Frightened Rabbit sonst erklären? Ich lege meine kulturwissenschaftliche Herangehensweise ab und wir genießen einfach ein Stück schottischer (genauer Selkirk) Musikszene auf Tour im imperialistischen Ausland (USA). Auf dem SXSW-Festival (woher auch diese Aufnahme stammt) stellte her und erklärte der Frontsänger die Beziehung zwischen Bob Dylan und einem Stück Fledermauskot. Das alles sehr einleuchtend, vielleicht auf dem nächsten Mixtape.

3. Da stellen sich mir wohlig die Nackenhaare auf. Der James-Virus ist echt gefährlich, hört man einen Song, will man irgendwie mal alle kennenlernen. Hier haben wir Sound vom charmanten Mann aus Manchester. Das dazugehörige Album Seven läuft bei mir rauf und runter. James rockt! Bleiben mir nur noch die Zeilen „Do everything you fear/In this there’s power/Fear is not to be afraid of/Laugh at the wonder of it all/Laugh so loud you break your fall.“

4. Jetzt kommt mal was Gefühlsschwangeres: Youth Groups Sicily ist repräsentativ für eine musikalisch in sich stimmige aber nicht besonders aufregende Platte. Dennoch, die Vorstellung ist sehr schön: „Babe, let's move to Sicily./Just you and me/and the Mediterranean Sea./I'd work on a scallop boat,/that would keep us afloat,/the sun would burn my throat./You'd lie beneath the shade
writing songs all day/give them to the summer haze“ und mal ehrlich, wann hatten wir zuletzt eine so schöne Textzeile: „writing songs all day/give them to the summer haze“, hm?

5. Foreign Rendezvous mag ich persönlich ja sehr gern. The Names aus Belgien klingen ein wenig wie The Cure, und letztlich funktioniert der Song auch nur über den Refrain. Also, geben wir uns den Besuchen und Besuchern außer Haus hin und schwelgen :-)

6. Meine hochgeschätzen Tokyo Police Club: Nach ihrem A Lesson In Crime dachte ich, es ginge nicht mehr höher hinaus und nun doch. Das Album Elephant Shell ist so toll, ein Rockalbum, das so richtig läuft und doch nicht zu hektisch ist. Der Frontsänger hat ne unglaublich erotische Stimme, finde ich toll. Ihr hoffentlich auch. Interpretationsansätze könnte hier vielleicht das geschätzte Publikum liefern, habe keine Ahnung was/wer hier besungen wird.

7. Die magische Titelnummer geht an einen magischen Song. Til The End Of Time ist der wohl rührigste DeVotchKa-Song überhaupt. Kostprobe: „And look at you and me still here together/There is no one knows you better/And we've come such a long long way/Let's put it off for one more day“. Der Song stammt übrigens vom Soundtrack zu Little Miss Sunshine, ein wirklich bezaubernder Film, muss man unbedingt mal gesehen haben.

8. Hinter diesem Lied versteckt sich eine Menge. Das Funktionsprinzip ist so, wie bei den Pulp-Songs, wenn sich jemand erinnert: leichtfüßige Musik, kritischer oder mindestens sozial reflektierender Text. Fangen wir also an: Cape Cod Kwassa Kwassa. Der Titel ist eine Referenz zu einem Badeort für Wohlbetuchte in Massachusetts, Kwassa Kwassa ist ein afrikanischer Tanzrhythmus, der von Peter Gabriel in den 1980er Jahren oft verwendet wurde (daher auch die Referenz). Jetzt ist es günstig zu wissen, dass Vampire Weekend aus einem eher linken College-Hintergrund kommen und Statussymbolen und Designermarken (Vuitton, Benetton etc.) eher ablehnend gegenüberstehen. Obgleich die Umgebung unserer implizierten Protagonisten sicherlich reizvoll wäre, dreht sich der Lebensinhalt um die ordentlich gemachten Betten und perfekt sitzende Sweater. Doch es lässt sich auch mit United colors of Benetton keine Erweiterung des eigenen geistigen Horizontes erkaufen und noch weniger Multikultur in der Einkaufsmeile erwerben. Alles, was bleibt, ist die Flucht in stupide Sexualität und ein unnatürliches Gefühl. Großartiges Lied, das ich gern mit euch teilen wollte.

9. Und da im vorigen Titel auch afrikanische Rhythmen anklangen, gibt es jetzt noch Weltmusik: Star Number Ones Waalo von dem wirklich schönen Mixtape betitelt Slow Music From Africa. Der Titel ist wie Lezamas Barock-Roman: Hier geht es um den Schmuck, hier geht es um die fein gezupfte Kora und das verheißungsvolle Knacken des Vinyls.

10. Suede sind zurück, heißen jetzt halt The Tears – ist mir alles recht, so lange Butler und Anderson wieder zusammen singen. Das Resultat kann sich sehr wohl hören lassen. Lovers, ein Song nicht nur für LiebhaberInnen: „Cause we are the lovers, we are the lovers/We're different colours but we stand up as one/“. Das wäre also die Vorstellung globalen Verständnisses zu Ende geträumt.

11. Dem Rock folgt der Punk auf dem Fuße. Titus Andronicus klingen ein wenig wie Conner Oberst als Leadsänger einer ziemlich coolen Rockband. Solcherlei Vergleiche taugen natürlich gar nicht viel, muss man einfach hören. Ein tolles, energetisches Album, welches eine Geschichte erzählt, nicht optimistisch aber hey, das Leben ist auch nur selten eine Frohnatur. „That's when I learned, in Glen Rock/everybody calls a spade a spade/I couldn't fool anyone/I couldn't even fool myself/I was just another book on the shelf/nothing else.“

12. Aus dem neuen Album von Sigur Rós habe ich noch den Titel Gobbledigook ausgesucht. Das neue Album trägt den verheißenden Titel: Með Suð I Eyrum Við Spilum Endalaust. Klingt unheimlich nach Animal Collective (not that this is a complaint...). Was singen unsere Isländer? Lalalalalalalalalala – endlich mal ein Text, der auch nach mehreren Bier bequem mitzusingen ist.

13. Bleiben wir doch gleich noch etwas im Norden, hier noch ein paar sehr schöne junge Männer aus Canada: Malajube mit dem Titel Elton D'Août. Ein Song von der EP und ich mag Franzosen einfach. Ich habe keinen Ahnung, was die hier singen aber es klingt schön nach Sommer. Lerne ich, wenn ich Arabisch kann. Übersetzungen/Lieddeutungen willkommen, wie immer an meine E-Mailadresse.

14. Da ich gerade eine Phase extremer Glasgow-Sucht durchlebe, hier noch eine Band aus dem Umfeld von The Twilight Sad. Sie heißen My Latest Novel und klingen für mich sehr nach Arcade Fire. Ganz wundervolle Kompositionen auf dem Album Wolves, neben dem vorgestellten Titel Pretty In Panic ist noch When We Are Wolves genial. Kann man sich durchaus kaufen, wenn die Neon Bible oder Funeral bereits textsicher mitgesungen wird.

15. Wo wir gerade von schön sprachen, musste ich an meine Lieblingsaugsburger denken: Anajo. Maaan, der Herr Gottwald kann Texte, die ultrakitschig sind, in wahre Perlen verwandeln. Dass Anajo eine der wenigen Deutsch-Pop-Bands sind, die auch noch deutsche Standardsprache fehlerfrei verwenden können, stellten wir ja bereits vor einem Jahr in diesem Medium fest. Schön, dass sich das gehalten hat und nun kann/soll der Sommer kommen.

16. Wie versprochen hier nun ein weiterer Titel von New Orders ersten drei Alben. Diesmal von Brotherhood. Der Song heißt Every Little Counts und was man sicher sagen kann, ist dass einzelne Textpassagen beim Singen plötzliche Lachanfälle provozieren. Was aber nicht von ungefähr kommt: „Every second counts/When I am with you/I think you are a pig/You should be in a zoo“.

17. Gegen Ende präsentiere ich nochmals etwas aus Canada. Diesmal die Islands mit ihrem wirklich genialen Song Creeper. Ich finde, das ist ein sehr atmosphärischer Titel, kreiert so eine Spannung, die schwer zu beschreiben ist, zumal ich auch noch nicht ganz sicher bin, in welche Richtung das Ganze textlich geht.

18. Als vorletzten Titel noch eine Nummer von vier, damals sicher sehr nett anzusehenden Jungs in Röhrenjeans und Lederjacken: The Mighty Lemon Drops aus den Midlands. Was zunächst klingen mag wie ein Bunnymen-Cover entwickelt durchaus eigene Dynamik. Head On The Block hat für mich auch noch eine Spur BRMC. Insgesamt eine schöner Song von einem noch viel stimmigeren Album. Aber das war eben Ende der 1980er, da gabs das Album als Konzept auch noch...

19. Der Rausschmeißer auf diesem Mixtape ist fabelhaft. Jetzt wäre der Moment um die Stereoanlage ganz laut zu drehen (so das denn noch geht), sich davor zu setzen und die Augen zu schließen. So, liebe Leute klingt großartige Rockmusik aus Glasgow, klingen The Twilight Sad. Und das, das darf man jetzt acht Minuten lang genießen. Aus musikalisch-ästhetischer Sicht ein absolutes Understatement, einen solchen Song, mit 3 Seconds Of Dead Air zu benennen. Euch weiterhin erhellende Momente und Erkenntnisgewinne. Bis zum nächsten Mixtape auf CD.

Donnerstag, Mai 15, 2008

Mixtape auf CD 05/2008




The Clockwise Witness (19 Titel, 80:53)

01. "Tumbling Down (Dead. Mono Version)" - Eskobar [Til We're Dead, 2000] 3:36
02. "Dark Leaves Form a Thread" - Destroyer [Trouble In Dreams, 2008] 3:36
03. "Babies" - Pulp [Intro. The Gift Recordings, 1993] 4:05
04. "Groupmegroup" - Liquid Liquid [Rough Trade Shops - Post Punk 01, 2003] 3:18
05. "Age of Consent" - New Order [Power, Corruption & Lies, 1986] 5:16
06. "Saman Me" - Yamoah's Band [Slow Music from Africa, 2007] 4:23
07. "I Worship The Sun (Album Version)" - Felt [Crumbling The Antiseptic Beauty/The Splendour Of Fear, 1986] 4:16
08. "Wedding Song" - The Psychedelic Furs [The Psychedelic Furs, 1980] 4:20
09. "Temptation" - Heaven 17 [Trainspotting #2, 1997] 3:05
10. "Disco Sheets" - Wolf Parade [Wolf Parade, 2005] 2:59
11. "Haystack" - Kevin Hewick & New Order [From Brussells With Love, 1980] 3:39
12. "étrange comme je taime" - DobaCaracol [Étrange comme je taime, 2007] 3:37
13. "Oxygen" - JJ72 [JJ72, 2000] 3:42
14. "Nightshift (Live)" - The Names [Spectators Of Life, 2001] 3:20
15. "Clarion" - Guillemots [Red, 2008] 4:04
16. "The Clockwise Witness" - DeVotchKa [A Mad & Faithful Telling, 2008] 4:37
17. "Booboo Man (Mama, Look at Bubu)" - Lord Melody [Calypso Awakening from the Emory Cook Collection, 2000] 4:22
18. "Running The World" - Jarvis Cocker [Jarvis, 2006] 4:47
19. "Light My Fire" - The Doors [30 Years Commemorative Edition, 2001] 9:42

Aus dem Booklet:

Liebes musikinteressiertes Publikum (jaaa!),

nach etwas mehr als einem Jahr Mixtape auf CD habe ich eine gender- und geschlechtspezifisch verhakelungsfreie Anredeformel gefunden, Yipeee! Ganz euphorisch gibt sich diesmal auch die Musikauswahl. Nachdem sich meine CDs, wie ich neulich erfuhr, auch als Weitergaben auf Kassette an Freunde großer Beliebtheit erfreuen, versuchen wir heute mal gutgelaunte aber keinesfalls oberflächliche Frühlingsmusik. Im beiliegenden Fragebogen, würde ich gern wissen, wie die Mixtapes auf CD bisher bei euch so ankamen. Vielen Dank fürs Ausfüllen an dieser Stelle.

1. Los geht es mit den charmanten Jungs von Eskobar. Ihr gewichtig betiteltes Album "Til We're Dead" bietet eine konsistente Auswahl mehr oder minder gefühlsbezogener Popsongs, unter denen mir Tumbling Down (Dead. Mono Version) als geeignet erschien, diese CD zu eröffnen. Kommen wir also erstmal runter.

2. Ans Runterkommen schein Dan Bejar aka Destroyer noch lange nicht zu denken, seine Diskographie umfasst mal eben 7 Alben in 8 Jahren. Das der Kanadier dabei alles andere als langweilig wird, zeigt Dark Leafs From A Thread; immer singt er kleine Juwelen von Geschichten, immer irgendwie seltsam aber doch verständlich zugleich. Und ich mag seine sehr markante Stimme und den poppigen Charakter der Songs, manchmal fast hymnisch.

3. Ich wünsche manchmal ich wäre älter, so knapp 10 Jahre vielleicht. Ich würde in der Zeit zurückreisen um Jarvis Cocker mit Pulp auftreten zu sehen und Songs, wie Babies, live mitzuerleben. Für den Moment bleibt mir nicht mehr als auf die soziokritischen Bezüge in Pulps Texten hinzuweisen; immer geht es in einer Weise um Kids aus den britischen Vorstädten, semibiographische Kindheitserinnerungen und dergleichen mehr untermalt mit überbordender Popmusik: "And she came round four/and she was with some kid called David/from the garage up the road."1

4. Gerade haben wir gesehen, wie Popmusik über kritische Texte Aufsehen erregt, hier jetzt der Umkehrfall: Aufsehen durch ungwöhnliche Musik. Liquid Liquid, eine post-punk-Formation aus New York, aktiv zwischen 1980 und '83 bringen eine fast schon weltmusikalisch anmutende Nummer mit dem etwas sperrigen Titel Groupmegroup. Zwischendrin viel Perkussion und ein Text, der mich persönlich an The Godz denken lässt, was letztlich nicht von ungefähr kommt, waren The Godz ja stilprägend für dieserlei Punkmusik2.

5. Gut, zurück nach Großbritannien: Nachdem sich mir über Nacht New Order erschlossen haben, bin ich selbsterklärter Riesenfan ihrer ersten 3 Alben. Häppchenweise gibt es jetzt ganz besonders gute Titel daraus in den kommenden Monaten. Diesmal habe ich Age Of Consent herausgesucht. Einerseits ein Lovesong ("And I'm not the kind that likes to tell you/ Just what I want to do/I'm not the kind that needs to tell you/Just what you want me to."3), andererseits auch die musikalische Umsetzung des Problems, einer durch Minderjährige angeregten Liebesbeziehung zu Erwachsenen: Wie sich verhalten, was tun, was nicht? "You're not the kind that needs to tell me/About the birds and the bees/Do you find this happens all the time/Crucial point one day becomes a crime."4

6. Schauen wir doch mal, was uns zu Westafrika so einfällt. Da hätten wir ein paar erdölproduzierende Länder, ja, gut, nicht übel, eine ganze Hand voll Megacitys, Urwälder, Elfenbeinküste, ungelöste politische Konflikte und Musik. Dass die Westafrikaner nicht nur Reggae oder/und Hip Hop können, sondern auch sehr interessante, bodenständige Folklore mit einem Hauch Popmusik machen, hat mir dieser Tage das Mixtape Slow Music From Africa bewiesen. Für alte und neue Freunde afrikanischer Musik hier nun Saman Me von Yamoah's Band.

7. Dass nun Felt mit I Worship The Sun folgt, trifft sich ja ganz gut, wo wir gerade musikalisch noch in sonnigen Gefilden weilten. Felt ist eine englische Band aus den 1980ern, heute zu Unrecht etwas vergessen, immerhin leben sie aber in den Songs von Belle & Sebastian beispielsweise weiter. Für mich klingen sie auch nach The Durutti Column und stimmlich denke ich gelegentlich an einen Jarvis Cocker. Das Werk liest sich witzig: 10 Jahre Bandgeschichte, 10 Singles, 10 Alben - ich wünschte, das würde man auch über mich sagen.

8. Die folgende Spitze kann ich mir nicht verkneifen: Dies ist mein Song für alle Heiratswilligen. Abgesehen davon, dass die Jungs von The Psychedelic Furs absolut super aussehen und auch wieder hocherotisch singen, hält Wedding Song noch sympathische Textstellen bereit: "make a line of useless women/make a line of useless men/love me love me love me love/again again again again/we're useless/we're useless/completely."5

9. Hochzeiten bedeuten ja auch immer etwas Kitsch und Kitsch, so habe ich neulich erst wieder behandelt, ist die unterste Stufe der Populärkultur und bedient über kapitalistische Verwertungsmechanismen unsere Emotionen, gehört somit hier direkt hinter die Hochzeit. Bei Heaven 17s Temptation frage ich mich oft, waren die 1990er wirklich so schrecklich? Damals klang das gar nicht SO furchtbar. Sei es drum, außergewöhnlich ist eine Bewertung, die in beide Richtungen der ästhetischen Skala funktioniert...

10. Auschließlich einseitig lassen sich die Werke aus der Feder Spencer Krugs bewerten und folglich bin ich ganz zappelig in Hinblick auf das neue Wolf Parade-Album im Mai. Für die Zwischenzeit habe ich uns Disco Sheets von der EP rausgesucht.
"everybody got their lid on tight/everybody says come with me/i'm easy and then we'll see/ who's got the secrets/so if you're looking for romancing/i've got answers /with dancers that will never say come with me"6 ergo: nimm mich, ich habe immerhin das Versprechen auf ne Romanze, alle anderen wollen dich nur flachlegen.

11. Wer nun Lust auf Romantik bekommen hat, dem kann mit New Orders Haystack geholfen werden. Man male sich aus, man selbst + PartnerIn werfen sich ins Heu und tun, was Verliebte halt tun. Dazu der gefühlsschwangere Singsang von Bienen, Vöglein und frischer Luft.

12. Und wo wir gerade bei so positiven Sachen sind, gibt es noch die buntkulturelle Mischung von DobaCaraco, die mal abwechselnd auf Portugiesisch, Spanisch, Englisch und Französisch singen. Eine Gruppe aus Kanada mit dem Zeug für den Sommerhit, die auf dem Cover mal eben nackt posiert, obgleich es sich nur um jugendfreie Rückenansichten handelt. Ist halt noch kein Hochsommer...

13. Im Hochsommer der Gefühle befindet sich meine emotionalste Gruppe schlechthin: JJ72. Ich liebe sie für ihre "weichen Knie". Kein Album in der letzten Zeit hat mich emotional so erfasst. Wenn Mark Greaney sich verausgabt, leide ich gleich mit und ich kann voll verstehen, dass man dann keinen Sauerstoff braucht, dann heißt das Oxygen nämlich Gefühl durch Musik. Herrlich und so authentisch.

14. Auch authentisch, weil live sind The Names. Als beglischer Factory-Emporkömmling der 1980er hat sich zeitlebens leider nie jemand so richtig für sie interessiert. Das kann nicht wieder gut gemacht werden, aber immerhin hat Nightshift locker das Zeug zum Ohrwurm. Vielleicht ist nächsten Monat Platz für ihr Foreign Rendezvous, gleichermaßen cool.

15. Über die Guillemots müsste ich Bücher schreiben. Ich will versuchen, kontrolliert von Clarion und ihrem neuen Album Red zu schwärmen. Also Clarion weil dieser Beat so subtil ist und weil Clarion eine geniale Synthese aus den ganz perkussionslastigen Titeln des neuen Albums und dem bewährten Stoff des alten ist. Darüberhinaus schätze ich die positive Musik und die manchmal endlos traurigen Texte. Vermutlich liegt diese Mischung am Einfluss Herrn Magrãos...

16. Bleiben wir doch gleich auf dem amerikanischen Kontinent; DeVotchKa aus den Vereinigten Staaten betreiben eine äußerst angenehme Mischung aus Balkanrythmen und anglophonen Texten. In The Clockwise Witness könnte es textlich um das Ende einer Liebesbeziehung gehen, aber letztlich weiß das nur der Künstler selbst. Lauschen wir also einfach diesem Song und machen uns individuelle einen Reim darauf. Ich liebe diesen Rhythmus hier.

17. Lord Melody habe ich echt ins Herz geschlossen. Völlig unvorbereitet kam eines Tages im letzten Jahr der Calypso zu mir, er suchte mich geradezu heim. Seitdem kann ich tun was ich will, meine Sammlung Calypso vergrößert sich ständig. Lord Melody ist einer DER Interpreten dieses oftmals so herrlich (selbst-)kritischen Genres. Booboo Man ist beinahe schon Kabarett, halt nur aus der schwarzen Kultur und umwerfend bissig. Was auch herrlich ist, ist wie das Publikum mitgeht und Lord Melody rumalbert. Calypso ist so herzlich, toll.

18. Auch von Herzen aber aus ganz anderer Ecke kommt der vorletzte Song. Jarvis Cocker präsentiert uns in Running The World noch ein Mal die Wahrheit auf dem Silbertablett:
"If you thought things had changed /Friend, you'd better think again /Bluntly put, in the fewest of words:/Cunts are still running the world."7 besonders wahr ist auch: "The free market is perfectly natural/Do you think that I'm some kind of dummy?/It's the ideal way to order the world."8 Dem bleibt nichts hinzuzufügen außer:

19. "Try now we can only loose and end up a funeral pyre" In diesem Sinne möge sich mit The Doors' Light My Fire (auf standesgemäße 9:42min psychedelische Perfomance ausgedehnt) auch euer Feuer irgendwo, irgendwie und irgendwann in erhellenden Momenten entzünden. Beste Grüße hinterlässt Peter.
_________

1 Und sie kam gegen vier/und war zusammen mit einem Kid genannt David/von der Garage gleich die Straße rauf.
2 Vergleiche die Ausgabe Punk On New York's Lower East Side.
3 Und Ich bin nicht derjenige der dir sagen möchte/was ich gern tun würde/Ich bin nicht derjenige, der dir sagen muss/was du mich verlangst zu tun.
4 Du bist nicht der/diejenige, der/die mir über/die Vögel und Bienen reden muss/Du denkst, dass passiert die ganze Zeit/Der entscheidende Punkt: eines Tages wird es eine Straftat.
5 stellt eine Schlange von nutzlosen Frauen auf/stellt eine Schlange von nutzlosen Männern auf/lieb mich lieb mich lieb mich/wieder wieder wieder wieder/wir sind nutzlos/wir sind nutzlos/gänzlich.
6 Alle halten sich bedeckt/jeder sagt komm mit mir/ich bin einfach und wir werden sehen/wer die Geheimnisse hat/wenn du also nach einer Romanze suchst/habe ich die Antworten/mit Tänzern die niemals komm mit mir sagen werden.
7 Wenn du dachtest, die Dinge hätten sich geändert/Freund, dann denkst du lieber noch einmal/brüsk gesagt, in den wenigsten Worten:/Schlampen regieren noch immer die Welt.
8 Der freie Markt ist ganz normal/Glaubst Du Ich bin so etwas wie ein Dummkopf?/Es ist die ideale Weise die Welt zu befehligen.

Dienstag, April 15, 2008

Mixtape auf CD 04/2008


This Is The One (20 Titel, 80:04)
01. "Bomba Ião" - Balacabala (Balacabala, 2007): 4:57
02. "20 Hours" - Black Rebel Motorcycle Club (Berlin (7''), 2007): 4:58
03. "New Generation" - Suede (America Is Not The World - Britain Neither, 2008): 4:34
04. "Cottage Industry" - Yeah Yeah Noh (Leicester Square, 1986): 3:45
05. "Sing" - Blur (Trainspotting, 1996): 6:00
06. "Bumble Bee" - JJ72 (America Is Not The World - Britain Neither, 2008): 3:44
07. "This Is The One" - The Stone Roses (The Stone Roses, 1989): 5:00
08. "Evidently Chickentown (Live)" - John Cooper Clarke (Control, 2007): 0:31
09. "Mile End" - Pulp (The Peel Sessions, 2006): 4:29
10. "Everyone Thinks He Looks Daft" - The Wedding Present (George Best Plus, 1997): 4:10
11. "Crucified" - Army of Lovers (Crucified (Single), 1992): 3:22
12. "Get Over It" - Guillemots (Get Over It, 2008): 3:49
13. "Bá/Ch'ain" - Christian Wolz (Danse Macabre Sampler II, 1992): 4:08
14. "Sad Song" - Lou Reed (Berlin, 1973): 6:58
15. "Mastermind" - The Divine Comedy (Regeneration, 2001): 5:21
16. "Green Treefrog (Hyla Cinerea) (From Sounds of North American Frogs)" - Unspecified (Smithsonian Folkways Sampler: A Sound Legacy--60 Years of Folkways Records and 20 Years of Smithsonian Folkways Recordings, 2008): 0:18
17. "Black Satin" - The Raveonettes (Lust Lust Lust, 2007): 2:39
18. "All the time" - EnemynatioN (Unbekannt, 2005): 4:38
19. "Ahora Sí (plena) (From Viento de Agua Unplugged, 2004)" - Viento De Agua (Smithsonian Folkways Sampler: A Sound Legacy--60 Years of Folkways Records and 20 Years of Smithsonian Folkways Recordings, 2008): 3:31
20. "Get Out" - New Order (Control, 2007): 2:44

Aus dem Booklet:

Liebe Mixtape auf CD-Empfänger und Empfängerinnen,
der April macht bekanntlich was er will. Das soll auch diesmal mein Motto sein; ich tue, was mir sehr am Herzen liegt. Eines muss ich noch loswerden: Kassetten sind so viel toller als CDs, man hat 10 Minuten mehr Platz. Die fehlen mir beim Zusammenstellen dieser CD oft. Nun aber 80 Minuten Musik:

1.Manchmal bin ich richtig zufrieden. Das ist immer dann der Fall, wenn ich Musik entdecke, die mich fesselt. Diesen Monat startet das Mixtape auf CD mit Balacabalas fesselndem Bomba Ião1. Ich schätze, dass was die Brasilianer (sind Paulistas2) hier abliefern, läuft unter Avantgarde Fusion. Meine Herren & Damen, selten so etwas Aufregendes gehört. Übrigens, wenn's mit dem Bandnamen nicht so recht klappen will, je schneller man es sagt, um so einfacher wird es. In doppelter Lesegeschwindigkeit nachsprechen:Balacabala-Balacabala-Balacabala3. Und grandios, wie die Dame dann noch einsteigt und so zart dahinsäuselt...

2.Black Rebel Motorcycle Clubs 20 Hours stammt aus einer Vinyl-Single, die Daniel mal gewonnen und bei uns eingelagert hat, da er selbst keinen Plattenspieler hatte. Nun kann der - wie ich finde - sehr schöne Song in digitaler Form und bei euch auch semi-analog, auf CD, weiter existieren. Thematisch: Vertonung von Liebessehnsucht.

3.Der wird schwierig, ach, wobei, eigentlich ist es mit die tollste Sache der Welt: Was macht man, wenn man ein (wohlgemerkt "richtiges", also auf Kassette) Mixtape geschenkt bekommt? Genau, Peter freut sich darüber immens. Und da angesprochenes Mixtape so exquisit ist, gebe ich einfach ein paar Titel daraus weiter. Hier Suede, hatten wir bereits im März mit Animal Lover, mit dem ganz tollen Song New Generation: But she and I, we soon discovered / we'd take the pills to find each other: ergo richtig große Liebe.

4.Au ja, jetzt kommt wieder das Educational Bit. Diesmal: early 1990's British Music. Zunächst Yeah Yeah Nohs Cottage Industry. Das ist der zynische Song einer Band aus Leicester, der Gewinnen und Verlieren gesellschaftlich betrachtet. Erinnert klanglich an The Fall, ganz späte 1980er. Coverbild erinnert mich an den Blick aus meinem Fenster, direkt auf den Steg.

5.Ich weiß gar nicht, wie ich das hier ankündigen soll. Sing ist einer der genialsten Blur-Songs die mir bisher untergekommen sind. Ich stelle einfach den Text hier hin, da muss jeder selbst was draus machen: I can't feel/ 'Cos I am numb / I can't feel / 'Cos I am numb / So what's the worth in all of this / What's the worth in all of this / Sing to me / So what's the worth in all of this / If the child in your head / If the child is dead / Sing to me4. Song aus den 1990ern, Unterschied bemerkt? Gut.

6.Noch einer aus dem mir geschenkten Mixtape. Fand eigentlich sehr herrlich, was mein Mäzen darüber gesagt hat: JJ72 waren eine Band, mit einem Frontsänger, der vor dem Stimmbruch singen konnte wie eine Frau. Danach war es mit dem Erfolg vorbei, dennoch ist Bumble Bee ein wahnsinnig packender Song. Ein anderer Kritiker schrieb: "[...] die Platte einer Band, die sich überall und nirgends bedient, sich aus allen Welten nur das beste holt und eine unspektakuläre, aber in ihren Songs meist stimmige Platte zustande bringt, die von ihrem Mut und ihrer Leidenschaft zeugt, aber mitunter noch etwas weich in den Knien wird. Ein Debüt eben." Charmant gesagt!
Die Anspielung mit der Hummel decke ich hier nicht auf, bleibt geheim, habe ich versprochen.

7.Weiter gehts mit der Bildung: Madchester5 1980er! The Stone Roses, genau! Einflussreich für alles, was ab 1990 sich in Großbritannien musikalisch getan hat. Ian Brown und Band legen ganz gemütlich los und dann wird ein echter Ohrwurm draus. Lebt weiter in: Arctic Monkeys, Blur, The Charlatans, Coldplay, Suede, The Verve etc. Muss man also kennen :-)

8.John Cooper Clarkes Evidently Chickentown möchte ich fast das Hörbuch für die Postmoderne labeln. Warum? Also: Es beinhaltet mit "fucking" die stilprägende Vokabel schlecht hin, dauert ziemlich genau 31 Sekunden (unterbietet damit knapp die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des postmodernen Otto oder Lieschen Müller) und ist kein Song, sondern fast schon zeitgemäß gerappt.
Kann mal jemand schnell zählen, wie oft "fucking" darin vorkam? Belohnen würde ich derartige mathematische Höchstleistungen mit einem spendierten Kaffee/Tee/Kakao. Ergebnisse wie immer per E-Mail an mich.

9.Weiter geht es in der Popgeschichte. Pulps Mile End ist das Stück für die 1990er in sozialer Hinsicht. Hinter der bemerkenswerten musikalischen Seite verbirgt sich eine recht akkurate Zeichnung der Zustände britischer Vorstädte jener Zeit:
It smelt as if someone had died; / the living-room was full of flies, / the kitchen sink was blocked, / the bathroom sink not there at all.6
und ein paar Zeilen später kommentiert Herr Cocker: Below the kids come out tonight, / they kick a ball and have a fight / and maybe shoot somebody if they lose at pool.7
Wie gesagt, bemerkenswerter Song, weil musikalisch leichtfüßig, inhaltlich anspruchsvoll.

10.Nochmals Musikgeschichte, hier eher etwas, was sonst im Archiv verstaubt. The Wedding Present mit Everyone Thinks He Looks Daft waren musikalisch wichtig, schnelle Gitarrenrhythmen, die später ja oft zu hören waren. Ein feiner Song, vorgetragen im Duo, handelt von Liebe und Eifersüchteleien. Kurzversion: Jeder denkt, er sieht blöd aus [aber er ist es nicht].

11.So, jetzt ist mal Zeit für einen echten Stilbruch. Diverse Male wurde mir schon vorgeworfen, mein Musikgeschmack sei unmöglich. Solche Zuschreibungen erfreuen mich natürlich, machen mich fast schon stolz. Und in dieser Tradition gibt es eine ganz unmögliche 1990er-Nummer von Army Of Lovers, der wohl androgynsten Band jener Zeit. Ach, ist das trashig, wenn wir uns alle genug darin gesuhlt haben, machen wir mit dem nächsten Titel weiter - keinesfalls eher!

12.Wer gedanklich noch bei Army Of Lovers ist, dem schreie ich entgegen: Get Over It, Whooohohoo. Oh ja, dieser CD habe ich wirklich entgegen gefiebert. Aus dem brandneuen Album Red von den Guillemots stammt Get Over It. And you want my side, my side of the story? Well, I want you, I want you like I am eighteen but I am tied to my babe...8

13.Von einer Schallplatte aus Davids Fundus stammt das ziemlich aufregende Bá/Ch'ain von Christian Wolz. Ich kannte den ja wieder mal gar nicht vorher. Das ist ein Stimmperformance-Künstler, der solche Kehlkopflaut-Sachen macht. Der ist auch schon im Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig aufgetreten. Vor der Zersetzung auf Vinyl bewahrt, macht er nun für euch Kunst auf dem Mixtape.

14.Bildung ist eigentlich das Beste, was euch passieren kann, hört nur mal.
Wusstet ihr, dass Berlin eine ganz bedeutsame Rolle für die Popmusik inne hat? Eine Reihe von mir geschätzter Künstler hat Alben dort aufgenommen Lou Reed 1973er Berlin, Bowies 1977er Low, Rufus Wainwrights 2007er Release The Stars, um mal einige zu nennen. Sad Song von Lou Reed ist ein musikalisch unheimlich schöner, textlich aber ziemlich verstörender Song. Er zeigt, wie man sich irren kann (und wie gut es musikalisch klingen kann, wenn man beschließt, sich selbst wieder aus der Grube zu ziehen - Go for it, Lou, go for it!).

15.Jetzt breche ich mal eine Lanze für die lokale Community: Fast an der Kreuzung Karl-Liebknecht-/Kurt-Eisner-Straße gibt es mit Whispers Records einen Plattenladen, der nicht nur recht gut sortiert ist, sondern auch sehr vernünftige Preise bietet. Kauft CDs doch in Zukunft mal dort. Ich habe mir neulich dort The Divine Comedys Regeneration, aus welchem wir jetzt Mastermind hören, gekauft. Ein Song über über Menschen, wie wir alle. Und das erfreuliche Resultat Neil Hannons musikalischen Nachsinnens: So tell me what the hell is normal and who the hell is sane? / And why the hell care anyway? / All the dreams that we have had are gonna prove that we're all mad and that's OK9

16.Nach so viel philosophischem Input, hier mal etwas Gegenständlicheres. Wer schon immer mal wissen wollte, wie ein Grüner Baumfrosch klingt, der kann hier nun das faunistische (Halb-)Wissen erweitern. Gefunden habe ich das auf einem Smithsonian-Sampler. Lustiger Einfall.
17.Ein wirklich außerordentlich schönes und, ach, wohlfühliges Album ist Lust Lust Lust von The Raveonettes aus Dänemark. Und, ist Black Satin ein schöner Song. Hmm, so schön. Dieses Album nehme ich ein paar Wochen lang auf JEDE Frühlingswiese mit. Traumhaft.

18.Ja, auch hier im Saalkreis und speziell in Halle haben wir gute Musik und tolle Künstler. Irgendwann mal beim SchwuLesBischen Straßenfest in Halle aufgetreten sind EnemynatioN und einige Songs blieben mir im Ohr. Im Internet gibt es auch ihr Subzero, das ist auch ganz toll. Für heute erstmal All the time, Musik, ganz echt, aus dem hallenser Umland. Richtig niedlich war der Sänger auch *schäm*

19.Mit Ahora Sí erlaube ich mir noch ein Mal etwas Schwung hinein zu bringen. Dieser erfrischend rhythmische Titel stammt ebenfalls vom angesprochenen Smithsonian-Sampler. Klingt ein wenig wie die Familie Cruz10 aus Peru, finde ich.

20.Der Rausschmeißer ist diesmal ganz wirklich einer. Get Out von New Order, ebenfalls auf dem Soundtrack zu Control, der mich wirklich begeistert hat: da war alles von schön bis sehr, sehr schräg drauf. So muss ne ordentliche CD sein! Geschissen auf die sogenannte "Durchhörbarkeit" meint Euer Peter.
__________

1 brasil. Portugiesisch: Die Bombe Iaos. Ião/Iao ist eine mystische Gestalt, taucht unter anderem im Sanskrit auf.
2 Bewohner von São Paolo, fünft größte Stadt weltweit nach Einwohnerzahl.
3 Balacabala: ist zunächst mal kein Wort aber könnte eine Zusammensetzung mit "cabála", was Kabale bedeutet, sein.
4 Ich kann nicht fühlen / denn ich bin taub / ich kann nicht fühlen / denn ich bin taub / Was ist nun der Wert in alledem / Was ist nun der Wert in alledem / Wenn das Kind in deinem Kopf / Wenn das Kind tot ist / Sing zu mir
5 Madchester: musikalische Bewegung in der Stadt Manchester, auch Manchester Rave genannt, während der späten 1980er und frühen 1990er Jahre. Katalysator: der Klub The Hacienda und das ansässige Label Factory Records.
6 Es roch, als wäre jemand gestorben / das Wohnzimmer war voller Fliegen / Der Küchenabfluss war verstopft / Im Bad gleich gar nicht vorhanden
7 Nachts kommen die Kids auf die Straße / Sie kicken einen Ball, haben einen Kampf / und schießen auf jemanden, wenn sie beim Pool verloren haben
8 Und du willst meine Version dieser Geschichte? Nun, ich woll dich, will dich, als wäre ich Achtzehn doch ich bin an mein/e Liebste/n gebunden
9 Also sag mir, was zur Hölle ist normal und wer zur Hölle ist vernünftig? / Und warum zur Hölle sich überhaupt darum sorgen? / Alle die Träume, die wir hatten, werden zeigen, dass wir alle verrückt sind und das ist okay
10 Nicomedes Santa Cruz und Victoria Santa Cruz; machen beide so afroperuanische Musik. Mindestens Victoria war schon auf dem Mixtape auf CD dabei